Flughafen BER vor Fertigstellung: Ein kleines Wunder

Das Hauptterminal ist freigegeben, die Eröffnung im Herbst naht. Nun kann der Sinn von Flügen diskutiert werden.

Der Tower des BER mit einigen Flugzeugen

Bald sollen am BER auch Flugzeuge starten: Blick auf den Tower Foto: dpa

Für viele ist es ein kleines Wunder: Der BER, die Dauerbaustelle im märkischen Sand, dieser mehr als 6,5 Milliarden Euro teure „Fluchhafen“, wird sehr wahrscheinlich fertig werden. Und zwar schon sehr, sehr bald. Zu anderen Zeiten wäre die Nachricht von Dienstagabend, dass die zuständige Baubehörde das pannenbeladene Hauptterminal zur Nutzung freigegeben hat, eine Topmeldung gewesen.

Jetzt, in Corona-Zeiten, verhallt sie ein bisschen. Schließlich, und das ist das Ironische an diesem kleinen Wunder, sind Flughäfen gerade so überflüssig wie kaum etwas anderes. Nicht umsonst drängt die Flughafengesellschaft darauf, Tegel mangels Auslastung (vorerst nur) temporär zu schließen. Am Mittwoch wird darüber entschieden.

Doch zurück zum BER. Dass das Terminal fertig gestellt und abgenommen wurde, ist eine kaum hoch genug einzuschätzende Leistung von Engelbert Lütke Daldrup, dem Flughafenchef. Seine Vorgänger, darunter Flachpfeifen mit großen Namen wie Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn, waren trotz vollmundiger Ankündigungen daran gescheitert, die vermurkste Baustelle zur ordnen, Pfusch der renommierten Firmen (mit ebenso großen Namen) zu identifizieren, eine Mängelliste zu erstellen, fehlerhafte Dübel zu identifizieren.

Selbst Lütke Daldrup wäre eine Entkernung des Gebäudes nach den ersten Verschiebungen der Eröffnungen vor acht Jahren lieber gewesen. Doch er hat sich durchgebissen und sogar das sogenannte „Monster“ gezähmt: die fehlkonstruierte Entrauchungsanlage, die 2012 der Hauptgrund für die erste Absage der Eröffnung war.

Flughafenchef Lütke Daldrup bei einem Testlauf mit koffer

Kann bald einchecken: Flughafenchef Lütke Daldrup, hier bei einem Testlauf Foto: dpa

Der Flughafenchef hat damit Rot-Rot-Grün einen gleichfalls nicht zu unterschätzenden Dienst erwiesen: Er hat die Koalition vom weltweit kolportierten öffentlichen Makel befreit, Berlin könne keinen Flughafen bauen – dass der Bund und das Land Brandenburg und deutsche Firmen an der Misere Mitschuld tragen, wird ja gern ignoriert. Sollten auch die Belastungstests in den kommenden Monaten erfolgreich sein – was als wahrscheinlich gilt –, kann Rot-Rot-Grün unbelastet von der Dauerbaustelle in Schönefeld in den kommenden Wahlkampf 2021 ziehen.

Und selbst wenn nicht alle Abläufe passen sollten – ein fertig gebauter ist ja noch lange kein funktionierender Flughafen –, dürfte das am Image weniger kratzen. Schließlich wird der BER wegen des drastischen Rückgangs der Passagierzahlen durch die weltweite Pandemie noch eine ganze Weile nicht an seine Kapazitätsgrenzen stoßen, wie noch Anfang des Jahres befürchtet wurde.

Debatte über Verbot innerdeutscher Flüge

Die absehbar rechtzeitige Fertigstellung und die gleichzeitige Coronakrise bietet Rot-Rot-Grün noch eine weitere politische Chance: Jetzt muss darüber diskutiert werden, in welchem Umfang Flugreisen aus Klima- und Lärmschutzgründen überhaupt noch angemessen sind.

Wäre also etwa ein Verbot innerdeutscher Flugreisen vom BER aus nicht überfällig? Die Senatsverwaltungen etwa wollen innerdeutsche Dienstreisen auch nach der Krise nur noch mit der Bahn machen. Und ist es nachhaltig, den sogenannten Easyjet-Tourismus mit Billigfliegern, der den Tourismusboom in Berlin in den vergangenen 15 Jahren im Wesentlichen begründet hat, in gleichem Umfang wiederbeleben zu wollen?

Mit der Fast-Fertigstellung des BER werden diese Fragen wieder mehr Bedeutung bekommen, ebenso wie der finanzielle Aspekt. Die Flughafengesellschaft braucht Finanzspritzen aus Steuergeldern in Höhe von hunderten Millionen Euro wegen der Krise und wegen der absehbar geringeren Auslastung. Wie viel ist den BürgerInnen Berlins also ein Flughafen überhaupt wert, wenn gleichzeitig wegen der stark steigenden finanziellen Belastung der öffentlichen Haushalte durch die Coronakrise eventuell sozial wichtigen Projekten der Geldhahn zugedreht wird?

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Jahrgang 1974, ist Leiter der Berlin-Redaktion der taz. Zuvor war er viele Jahre Chef vom Dienst in dieser Redaktion. Er lebt seit 1998 in Berlin und hat Politikwissenschaft an der Freien Universität studiert.

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