: Flucht in den Markt
■ Castro läßt Bauernmärkte wieder zu
Berlin (taz) – Fidel Castro überließ es seinem Bruder Raúl, dem kubanischen Volk die Wiedereröffnung von Agrarmärkten bekanntzugeben. Auf diesen Märkten werde es zu einem „Spiel von Angebot und Nachfrage“ kommen, erklärte Raúl Castro, seines Zeichens Chef der Armee und unbestrittene Nummer zwei der kubanischen Hierarchie. Die Arbeiter der landwirtschaftlichen Staatsbetriebe und Produktionsgenossenschaften sowie die verbliebenen unabhängigen Bauern sollen auf den Märkten ihre Überschußproduktion direkt an die Verbraucher verkaufen dürfen, sagte der Armeechef in der kommunistischen Parteizeitung Granma.
Diese neuerlichen Reformen sind die erste sichtbare Reaktion auf die tiefe Krise der kubanischen Gesellschaft, die in den offenen Unruhen am 5. August und der anschließenden Massenflucht sichtbar geworden war. Zwar ist noch unklar, wieviel Kontrolle der Staat über diese Märkte behalten wird. Dennoch signalisiert dieser Schritt einen Bruch: Der bisherige Reformprozeß hatte vor allem eine wirtschaftliche Öffnung Kubas für ausländische Investoren gebracht. Für die einfachen Kubaner hingegen blieb Markt illegaler Schwarzmarkt. Und der umfaßt nach Schätzungen von Forschungsinstituten in Havanna bereits unglaubliche 30 bis 60 Prozent aller Waren – die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln ist ohne Schwarzmarkt gar nicht mehr denkbar. Wenn nun offiziell Bauernmärkte wiederzugelassen werden, dann ist dies in Kuba nicht unbedingt „mehr Markt“, sondern vor allem erstmals wieder legaler Markt.
Für Fidel Castro heißt dieser Schritt, einen Fehler einzugestehen, den die Kubaner teuer bezahlt haben. Denn Fidel selbst war es, der vor acht Jahren sein ganzes persönliches Gewicht in die Waagschale geworfen hatte, um die existierenden „Freien Bauernmärkte“ abzuschaffen. Denn dort entstehe eine Händlerclique mit kapitalistischer Seele, diagnostizierte damals der Comandante der kubanischen Revolution. Und das müsse man verhindern – mit der Kampagne zur „Korrektur von Irrtümern“ wurden die Märkte geschlossen. In der Folge sank die Nahrungsmittelproduktion stetig, bis die katastrophale Ernte in diesem Jahr einen neuen Negativrekord erreichte. Am Wochenende nun begründete Raúl Castro die Korrektur der Korrektur mit genau den Gründen, die die Führung damals nicht gelten ließ: Die äußerst schlechte Versorgungslage der Bevölkerung müsse dringend verbessert werden und Agrarmärkte seien dafür ein geeigneter Mechanismus.
Ob aber die neue Maßnahme mehr sein kann als nur ein Notpflaster für die drängendsten Probleme, ob sie gar den Anstoß geben für eine umfassendere Reform von oben, bleibt abzuwarten. Bert Hoffmann
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