Flucht aus dem Irak: Vertreibung der Christen aus Mossul

Tausende christliche Iraker sind aus ihrer Heimat im Norden des Irak geflüchtet. Mehr als ein Dutzend wurden getötet. Grund: Ein Territorialkampf zwischen Arabern und Kurden.

Ministerpräsident Maliki hat Polizeiunterstützung für Mossul angekündigt. Bild: ap

BARTILLA taz Einsam steht ein Rollstuhl an der Stirnseite des Wohnzimmers. Ein blütenweißes Tuch mit zarten Stickereien liegt darauf. Gleich könnte der Besitzer des Rollstuhls kommen und sich das Tuch über seine Beinstümpfe legen. Aber Abu Sabun ist tot. Vor zwei Wochen wurde der Christ aus dem nordirakischen Mossul auf offener Straße erschossen. Zwei Männer seien vor seinem Geschäft aufgetaucht und hätten ihn einfach niedergeknallt, sagt sein Bruder. Abu Sabun war das erste Opfer in einer Serie von Morden in der nordirakischen Stadt am Tigris, der seit Ende September mindestens 16 Christen zum Opfer gefallen sind.

Mehrere Tausend Christen sind in den letzten zwei Wochen aus Mossul geflohen, und der Treck der Flüchtlinge reißt nicht ab. Abu Sabuns Familie ist bei Verwandten in einem kleinen Weiler bei Bartilla, östlich von Mossul, untergekommen. Laut und verzweifelt hallt das Wehklagen von Abu Sabuns Mutter durch die stille Straße. "Warum er? Warum jetzt?" Nach Jahren des Terrors von sunnitischen Untergrundkämpfern und Al-Qaida-Extremisten, die Mossul nach dem Sturz von Saddam Hussein unter ihre Fuchtel gebracht hatten, schien sich das Los der Christen in Mossul ein wenig zu bessern. Amerikanischen Spezialeinheiten und irakischen Sicherheitskräften war es gelungen, zahlreiche führende Extremisten auszuschalten.

Händeringend bemühten sich Geistliche und christliche Politiker darum, den Exodus der Christen, deren Zahl im Jahr 2003 auf 800.000 geschätzt wurde und die in den vergangenen Jahren zu Zehntausenden nach Syrien, Europa oder den kurdisch kontrollierten Nordirak geflohen waren, zu verhindern. Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki rief die Christen zur Rückkehr in den Irak auf und drängte die Europäer, allen voran Deutschland, ihre Pläne zur Aufnahme von Kontingentflüchtlingen auf Eis zu legen.

Irakische Politiker haben für die jüngste Gewaltwelle unisono die Al-Qaida-Terroristen verantwortlich gemacht. Doch unter den Flüchtlingen hält man wenig von dieser Erklärung. Viele glauben, dass der eigentliche Grund der Konflikt zwischen Arabern und Kurden ist, wer die umstrittenen Gebiete um Mossul kontrolliert. Denn die Morde und Angriffe begannen kurz nach Verabschiedung des Gesetzes über die Provinzwahlen. In der Abstimmung war ein Passus gescheitert, der den Christen in mehreren Provinzparlamenten eine Quote von insgesamt 13 Sitzen garantiert hätte, unter ihnen drei in Mossul. In Dohuk, das Teil des kurdischen Teilstaats ist, gingen daraufhin hunderte von Christen auf die Straße und forderten Autonomie.

Aghajan, selbst Christ und Finanzminister in Kurdistan, ist unter den Christen um Mossul höchst umstritten. In der Gegend hat er in den letzten Jahren Millionen von Dollar für den Bau von Kirchen, den Hausbau und Landkäufe ausgeben. Zudem hat Aghajan eine mehrere hundert Mann starke christliche Privatmiliz aufgebaut, die er aus seiner Schatulle finanziert. All dies tue Aghajan jedoch nicht zum Wohl der Christen, sondern um die Gebietsansprüche von Barzani und den Kurden zu festigen, glauben christliche Lokalpolitiker. Bartilla in der Ebene östlich von Mossul, wo für die Christen die Wiege des Irak liegt, findet sich mitten in der umstrittenen Region. Bis heute ist die Gegend mehrheitlich christlich. "Wir wollen eine starke Kommunalverwaltung und die Aufnahme in die regulären Sicherheitskräfte", sagt Jamle Dawud von der Assyrisch-Demokratischen Bewegung in Bartilla, der gewichtigsten politischen Stimme der Christen im Irak. "Aber wir sind Teil des Irak, und so soll es auch bleiben. Wir fordern keine Autonomie."

Autonomie wird von vielen Arabern mit der Spaltung des Landes gleichgesetzt. Genau deshalb hätten die jüngsten Morde und Angriffe nach der Demonstration in Dohuk eingesetzt, sagt Dawud. Das glaubt auch Raghad Bahjet, deren Bruder von Männern in Armeeuniformen erschossen wurde. Als dann auch noch das Haus eines Nachbarn in Flammen aufging und Nachrichten von Drohanrufen die Runde machten, überlegte ihre Familie nicht zweimal. Mit 39 weiteren Familien hat sie in der syrisch-katholischen Kirche von Bartilla Zuflucht gefunden. Mit Vorhängen hat Pater Afran Muoshe den Gemeindesaal abgeteilt, um den Flüchtlingen ein wenig Privatsphäre zu geben. In einer Ecke sind Lebensmittelsäcke und Kochgeschirr gestapelt. Allein der 4000-Seelen-Ort Bartilla hat mehr als 800 Flüchtlinge aufgenommen, mehr als 3.000 Christen sind laut offiziellen Angaben aus Mossul geflohen.

Maliki hat Polizeiverstärkung für Mossul angekündigt. Die Flüchtlinge trauen der Zusicherung nicht. "Wir wollen Taten sehen", sagt die Mutter von Abu Sabun. Auch Pater Afran ist skeptisch. "Ich glaube nicht, dass es für die Christen in diesem Land noch eine Zukunft gibt", sagt der Pater.

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