Eugen Egner : Satz in der Sackgasse
Wenn ich in meinem Zimmer am Fenster stehe und hinausschaue, bietet sich mir eine stille, schmale Sackgasse dar. Auf der Seite gegenüber stehen alte zweigeschossige Beamtenhäuser. Es kommt nicht oft vor, dass ich aus dem Fenster schaue. Meist sitze ich links davon an meinem Arbeitstisch und versuche zu schreiben. Darüber vergeht die Zeit, es wird Winter.
Ich ringe noch immer um den ersten Satz. Der erste Satz des Textes soll das Werkzeug für die Konstruktion des Anfangs hervorbringen, ähnlich wie die Notwendigkeit zu schreiben das Schreibzeug gebiert. Doch noch vor dem ersten Satz erscheint wie aus dem Nichts ein größeres, nicht bekanntes Handlungselement, das von der geistigen Masse des ins Dasein strebenden Textes unaufhaltsam angezogen wird. Als es zur Kollision kommt, dringt der heterogene Handlungsteil ins Gewebe des sich formenden Textes ein.
Da der Fremdkörper eine eigene Raumzeit besitzt, erzeugt er in seiner Umgebung kaum denkbare, geschweige denn beschreibbare dimensionale Verhältnisse. Enorme Mengen Papier fülle ich deshalb mit misslungenen Sätzen und deren Streichungen, bis ich schließlich resigniere und alles fortwerfe.
Mensch im Sichtfeld
Ich stehe auf und schaue aus dem Fenster. Der Anblick der stillen Sackgasse ist eine Wohltat. Da kommt von links her eine menschliche Gestalt in mein Sichtfeld. Sie ist auffällig groß und schlank, jedoch so extrem winterlich gekleidet, dass kaum erkennbar ist, ob es sich um eine weibliche oder männliche handelt. Nur ihre Bewegungen lassen darauf schließen, dass es eine junge Frau sein dürfte.
Sie macht an dem Haus gegenüber halt und steckt etwas, das von weitem wie ein kleines Flugblatt aussieht, in den Briefkasten. Dann entfernt sie sich nach rechts. Neugierig will ich hinauslaufen, um zu sehen, wohin sie nun geht. Dabei entdecke ich einen gefalteten Zettel, der unter der Tür meines Zimmers durchgeschoben worden sein muss. Ich hebe ihn auf und lese, was darauf steht.
Wie ich sofort erkenne, ist es unglaublicherweise der erste Satz, den ich bislang nicht zustande gebracht habe. Warum wird er mir auf diese Weise übermittelt? Und von wem? Unwillkürlich verdächtige ich die Gestalt, die gegenüber ein Flugblatt eingeworfen hat. Vielleicht war sie vorher auf meiner Straßenseite?
Allerdings befindet sich die Tür meines Zimmers nicht direkt am Gehweg. Der Fall verlangt nach umgehender Aufklärung. In der Hoffnung, die mutmaßliche Überbringerin des Zettels einholen zu können, eile ich ins Freie. Sie ist jedoch nirgends zu sehen.
Staunend registriere ich sodann, dass die schmale Straße keine Sackgasse mehr ist, sondern sich über die Bebauungsgrenze hinaus in Richtung des Bahndamms fortsetzt und nach einer Kurve durch ihn hindurchführt. Bevor ich den Rundbogen der tunnelartigen Öffnung erreiche, gebe ich die Verfolgung lieber auf und kehre zum ersten Satz des Textes in mein Zimmer zurück.
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