Erste schwarze US-Vizepräsidentin Harris: „Ich bin, wer ich bin“

Die Juristin Kamala Harris ging in ihrem Leben immer vorneweg. Dabei hat sie es immer wieder vermieden, ihre Identität in den Mittelpunkt zu stellen.

Kamala Harris

Kamala Harris bei ihrer Rede zum Sieg an diesem Samstag Foto: Andrew Harnik/ap

BERLIN taz | Kamala Harris ist gewöhnt daran, die Erste zu sein. Sie war die erste Schwarze Bezirksstaatsanwältin von San Francisco, die erste weibliche Generalstaatsanwältin Kaliforniens und 2017 die erste Schwarze Senatorin des Bundesstaats in Washington. Jetzt wird die Tochter einer indischstämmigen Mutter und eines aus Jamaika stammenden Vaters die erste Vizepräsidentin der USA und die erste Schwarze und Asian American auf dieser Position obendrein.

Steht Joe Biden vor allem für die Rückkehr von Normalität, ist es Kamala Harris, die in der langen Geschichte des Kampfs um Gleichberechtigung in den USA für Aufbruch und Fortschritt steht.

Politisch ist Kamala Harris nicht so eindeutig mit klaren Adjektiven zu beschreiben. Ihre politische Karriere ist voller Wendungen und wechselnder Allianzen. Sie verfocht als Generalstaatsanwältin harte Strafen für Marihuanabesitz – bis sie dann später für eine Legalisierung eintrat. Sie ging hart gegen Schulschwänzer*innen vor, setzte aber Bodycams bei Polizist*innen um. Sie stellte als Senatorin den Green New Deal vor, ist aber eine der besten Fundraiserinnen für Großspenden aus Hollywood. Klar zu fassen war sie nie, weshalb die Charakterisierung aus dem Trump-Lager, sie sei das linksradikale U-Boot auf Bidens Ticket, so lächerlich wirkte.

Und auch wenn sie sich selbst in ihrer Siegesrede am Samstag in die lange Reihe Schwarzer Frauen stellte, ohne die dieser Moment nicht möglich gewesen wäre, hat sie es in ihrer Karriere immer wieder vermieden, ihre Identität zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. Der Washington Post sagte sie 2019, Politiker*innen müssten nicht aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe in bestimmte Schubladen passen. „Mein Punkt war immer: Ich bin, wer ich bin. Und ich bin o. k. damit.“

Von ihrer Umgebung zur Schwarzen gemacht

Die Lebenserfahrung einer 1964 in den USA geborenen und aufgewachsenen Schwarzen Frau hat sie dennoch geprägt. Kritik, warum sie sich eigentlich als Schwarz bezeichnet, obwohl sie doch keine Afroamerikanerin ist, begegnet sie in ihrer Autobiografie. Darin beschreibt Harris, wie ihre alleinerziehende Mutter, eine Krebsforscherin und Bürgerrechtsaktivistin, sie und ihre Schwester im kalifornischen Oakland erzog: „Sie wusste, dass ihre Wahlheimat Maya und mich als Schwarze Mädchen ansehen würde und wollte unbedingt sicherstellen, dass wir selbstbewusste, stolze Schwarze Frauen werden würden.“

Erst 2017 in den Senat gewählt, wirkte ihre eigene Bewerbung um die demokratische Präsidentschaftskandidatur nur zwei Jahre später wie von Barack Obama abgekupfert. Harris’ eigener Wahlkampf aber kam über einen guten Start mit einigen größeren Versammlungen nicht hinaus. Für Progressive in der Partei war sie nicht progressiv genug: Neben Bernie Sanders und Eli­zabeth Warren war für Harris auf der linken Seite des Kandidat*innenfeldes kein Platz. Für die Zen­trist*innen aber war sie zu links.

Ihr stärkster Moment während des Vorwahlkampfes war ihr Auftritt bei der Fernsehdebatte der Kandidat*innen in Miami, und der ging auf Kosten von Joe Biden. Dem warf sie vor, in den 1970er Jahren gemeinsam mit erzkonservativen republikanischen Senatoren gegen die Entsendung von Schüler*innen aus Schwarzenvierteln auf überwiegend von Weißen besuchte, meist bessere Schulen gewesen zu sein. „Es gab da ein kleines Mädchen in Kalifornien, das in die zweite Klasse ging. Sie wurde jeden Tag auf eine solche Schule gefahren. Dieses kleine Mädchen war ich“, sagte sie.

Aber bei diesem Moment blieb es. Anfang Dezember 2019 schied Harris aus dem Rennen aus. Als Biden sich im März als demokratischer Front­runner abzeichnete, erklärte sie ihre Unterstützung für ihn. Im Senat allerdings machte sie sich einen Namen als knallharte, furchtlose Befragerin während verschiedener Anhörungen. Das alles machte sie zur idealen Wahl als Vizepräsidentschaftskandidatin Bidens. Er selbst als charakterlicher Anti-Trump und innerparteilicher Zentrist, sie als Hoffnungsträgerin mit zumindest Offenheit gegenüber der Linken.

Vieles spricht dafür, dass Biden 2024, mit dann 82 Jahren, nicht wieder antreten und Harris seine Nachfolgekandidatin werden wird. Wenn das gelingen soll, muss er ihr mehr Profilierungsmöglichkeiten geben – ohne sich selbst von Beginn an zur Lame Duck zu machen. Auch nicht so einfach.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Am 3. November 2020 haben die USA einen neuen Präsidenten gewählt: Der Demokrat Joe Biden, langjähriger Senator und von 2009 bis 2017 Vize unter Barack Obama, hat sich gegen Amtsinhaber Donald Trump durchgesetzt.

▶ Alle Grafiken

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de