: Er muss auf die Partei Rücksicht nehmen
Im Spielfilm „Enrico Berlinguer – La grande ambizione“ zeigt Regisseur Andrea Segre, wie sich Italiens Kommunisten von der Sowjetunion abnabelten
Von Barbara Schweizerhof
Enrico Berlinguer, 1922 geboren, war ein Mann aus der Zeit, als zur gesunden Lebensführung noch Dinge wie Gymnastik und ein Glas Milch am Tag gehörten. Über die Schäden des Ketterauchens machte man sich dagegen kaum Gedanken. Zumindest lässt der italienische Regisseur Andrea Segre seinen Hauptdarsteller Elio Germano das so spielen.
Immer wieder, in den raren Momenten, wo der Führer der Kommunistischen Partei Italiens sich allein und unter keiner Beobachtung wiederfindet, stellt er sich vor einen Stuhl und macht ein paar Kniebeugen. Oder reckt die Arme nach oben und zur Seite.
Für unsere heutigen Fitness-verwöhnten Augen sieht es alles andere als sportlich aus. Und das Glas Milch, das er sich immer wieder einschenkt – das würde ihn in den Augen der Hafermilch trinkenden Wählerjugend von heute hoffnungslos rückständig erscheinen lassen.
In den 1970er Jahren aber war Berlinguer so ziemlich der „hotteste“ Politiker Italiens, wenn nicht gar Europas. Bilder von damals zeigen einen Mann, dessen sympathisches Lächeln regelrecht entwaffnet. Wenn Schrifteinblendungen zu Beginn des Films erzählen, dass Italien damals die größte kommunistische Partei des Westens beheimatete, mit anderthalb Millionen Mitgliedern und einem Anteil von regelmäßig über 25, in einzelnen Regionen oder Städten sogar über 40 Prozent der Wählerstimmen – verfällt man als Zuschauer*in gleich schon in Nostalgie.
Man kann ihn ohne Reue ins Herz schließen
Wie war das damals möglich? Im zweigeteilten Europa, das die Einflusssphären der USA und der Sowjetunion streng trennte? Das Überraschende an Segres Film ist, dass er weniger ein menschelndes Biopic-Porträt des italienischen Eurokommunisten zeichnet, sondern versucht, die gesellschaftlichen und politischen Umstände dieser Zeit präzise in den Blick zu nehmen.
Sicher, Berlinguer ist bei Segre eine Heldengestalt. Gerade, weil Germano ihn zwar als geschickten Redner und treusorgenden Familienvater spielt, aber zugleich seine Schüchternheit und sein körperliches Ungeschick sichtbar macht, erscheint er als Figur, den man ohne Reue ins Herz schließen kann. Bescheiden war er auch noch!
Zwei wichtige politische Themen bestimmten die Dekade, in der Berlinguer in Nachfolge von Luigi Longo die Partei führte. Das eine war die Abnabelung von der Sowjetunion und das andere die unter dem Stichwort „historischer Kompromiss“ bekannte Strategie einer Annäherung an die rechtskonservative Democrazia Cristiana.
Segre inszeniert für beide Themen Schlüsselmomente. Dafür stellt er aber weniger Bilder aus den Nachrichten nach, sondern setzt eher die Gespräche auf den Fluren der Parteizentrale in Szene – oder hinter den Kulissen im Privaten. Kaum im Amt des Generalsekretärs besucht Berlinguer Bulgarien. Dort muss er sich vom Genossen Todor Schiwkow die Welt erklären lassen.
Er wird in einen schweren Autounfall verwickelt. Mit dem Leben gerade noch davon gekommen, gesteht er seiner Frau Letizia (Elena Radonicich) nach der Rückkehr in Rom, dass er der festen Überzeugung sei, man habe ihn töten wollen.
„Du musst es den Genossen sagen!“, fordert sie. Das sei nicht möglich, er müsse auf die Partei Rücksicht nehmen, entgegnet Berlinguer. Beide flüstern, nicht nur weil sie die Kinder nicht aufwecken wollen.
Ein vorsichtiger Taktiker
Nein, mit den Genossen aus dem Osten war nicht zu spaßen. Als er 1977 zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution in Moskau spricht, wird vermerkt, dass seine Rede nur an zwei Stellen von Applaus unterbrochen worden sei: als er erwähnte, das die KPI inzwischen 1,7 Millionen Mitglieder habe und am Ende, als er der Sowjetunion für ihre Opfer im Zweiten Weltkrieg dankte.
Dass der Film Berlinguer in dieser Hinsicht als vorsichtigen Taktiker zeigt, der durchaus zu Lippenbekenntnissen bereit war, schwächt seine Figur keineswegs. Berlinguer war kein Populist, dem es um den schnellen Wahlerfolg ging, scheint Segre erzählen zu wollen, er hatte eine längerfristige Perspektive im Blick. Vor allem wollte er in der „Polykrise“, als die sich die 70er Jahre für Italien und den ganzen Westen darstellte, seinem Land helfen.
Während seine Mitstreiter angesichts der Wahlergebnisse (7 Prozent mehr in Neapel!) in einen regelrechten Rausch geraten, sieht man Berlinguer den Ernst der Verantwortung an: Solche Mandate verpflichten dazu, sich nicht nur mit Opposition zufriedenzugeben.
Aber der „historische Kompromiss“ führt zu Radikalisierungen, die ihrerseits in der Entführung und Ermordung Aldo Moros münden. Erschütternde Momente, die der Film aus der Perspektive Berlinguers zeigt.
Auf dem Balkon steht Gorbatschow
Immer wieder unterbricht Segre seinen Spielfilm durch Archivaufnahmen. Sie zeigen Demonstrationen und vor allem, wie wichtig die Straße als Raum der Politik damals noch war. Zu Berlinguers Beerdigung 1984 ist es ein Meer von Menschen, es sollen anderthalb Millionen gewesen sein.
Vor allem Männer erheben die Faust beim Passieren seines Sargs. Federico Fellini und Marcello Mastroianni halten Ehrenwache. Und irgendwo auf einem Hotelbalkon steht Michail Gorbatschow, zehn Monate vor seiner Wahl zum Generalsekretär der KPdSU.
„Enrico Berlinguer – La grande ambizione“. Regie: Andrea Segre. Mit Elio Germano, Stefano Abbati u. a. Italien 2024, 123 Min.
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