Energiewende in Schleswig-Holstein: Windkraft-Boom trotz Gegenwind aus Berlin
Schleswig-Holstein will schon 2040 klimaneutral sein. Auf der Fachmesse „Powernet“ debattieren 600 Experten darüber, welche Hürden es dabei noch gibt.
In 14 Jahren, bereits 2040, will Schleswig-Holstein klimaneutral sein. Welche Hindernisse auf dem Weg dorthin zu bewältigen sind und was bereits gut läuft, berieten rund 600 Fachleute bei der Fachmesse „Powernet“ in Neumünster.
Für die Landesregierung ist die Energiewende „das Schleswig-Holstein-Projekt“, beteuerten Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) und Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen (CDU) gleichermaßen. Kritik geht in Richtung der Bundesregierung.
Tillmann Frank braucht Energie, viel Energie: Seine Firma in Schwentinental bei Kiel produziert biologische Pflanzenzschutzmittel, darunter Fadenwürmer, die gegen Schädlinge eingesetzt werden. Die Alternativen zu chemischen Pestiziden verkaufen sich weltweit, besonders Agrarbetriebe in Süd- und Nordamerika zählten zu den Abnehmern, berichtet der Geschäftsführer.
Seine grünen Produkte will Frank gern mit grünem Strom herstellen. Aber das sei gar nicht so einfach, sagt er: Es würde teurer, vor allem aber reichten die Stromleitungen nicht aus. Und Solarpaneele dürfe er zwar auf Dächer bauen, nicht aber an die Fassaden – die Bauordnung der Gemeinde steht dagegen.
Ausbau von Wind- und Solarkraft kommt voran
Umwelt- und Energiewendeminister Tobias Goldschmidt kennt das Problem, lösen kann er es nicht: „Bei diesen Fragen haben die Kommunen die Planungshoheit.“ Und das solle auch so bleiben, betont sein Kabinettskollege Claus Ruhe Madsen: „Wir wollen nicht alles von oben vorgeben.“ Aber beide gehen davon aus, dass Gemeinden ihre Regeln ändern würden, wenn es Proteste aus dem Ort gebe. „Ich bin dran“, versprach Tillmann Frank.
Schleswig-Holstein ist Windkraft-Musterland, es produziert bereits weit mehr nachhaltigen Strom, als es selbst verbrauchen kann, und wird weitere Flächen ausweisen.
Auch der Ausbau von Solarparks und Photovoltaik-Anlagen schreitet voran. Anders als in anderen Regionen Deutschlands ist die Zustimmung groß, auch weil die erneuerbare Energie Geld bringt: Fast 120 Millionen Euro an Gewerbesteuer wehten aus den Windparks in die Gemeindekassen, berichtete Goldschmidt. Die Zuwachszahlen machen ihn hoffnungsvoll: „Wir sind auf der Zielgerade der Energiewende.“
Claus Ruhe Madsen betonte die Bedeutung von Wind- und Sonnenkraft als „Sicherheitsenergie“, die das Land weniger abhängig von Exporten mache. Hinzu kämen Arbeitsplätze und neue Unternehmensansiedlungen. Privatleute würden von Bürgerwindparks profitieren.
Wie das geht, weiß Reinhard Christiansen von der Genossenschaft „Grenzland Bürgerenergie“. Mehr als 2.000 Genoss:innen aus ganz Schleswig-Holstein beteiligen sich bereits an dem Projekt in Ellhöft nahe der dänischen Grenze. Der dort erzeugte Strom aus Solar- und Windenergie soll in Wasserstoff verwandelt werden, dazu baut die Genossenschaft mehrere Elektrolyseure, eine Wasserstoff-Tankstelle ist bereits in Betrieb.
Die Akzeptanz sei groß, nur von den Banken, die zögerlich bei der Finanzierung seien, wünscht er sich mehr Mut. Und eine Leitung des geplanten Wasserstoff-Netzes in den Norden bräuchte es. Insgesamt aber alles lösbar, findet Christiansen, der schon mehrere Windparks gegründet hat: „Hürden stören uns nicht, wir sind Macher.“
Bundesministerin Reiche will lieber Gaskraftwerke
Marcus Hrach vom Landesverband der erneuerbaren Energien (LEE) fasste zusammen: „Wir sind weit. Aber um das Ziel zu erreichen, müssen noch einige Schalter umgelegt werden.“ Er nannte die Debatte um Strompreiszonen und Netzentgelte. Regionen, die viel nachhaltigen Strom produzierten, sollten einen Vorteil gegenüber anderen haben, forderte er.
Schleswig-Holstein kann solche Fragen nicht allein lösen – doch von der Bundregierung kommt zurzeit eher Gegen- als Rückenwind. „Arbeitsverweigerung“ warf Tobias Goldschmidt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche vor. Die Christdemokratin und frühere Managerin einer Eon-Tochterfirma will den Ausbau der erneuerbaren Energie zugunsten von Gaskraftwerken bremsen.
Auch Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) appellierte zum Auftakt der Messe an die anderen Länder und den Bund: „Beim Klimaschutz darf es jetzt kein Zurück geben. Schleswig-Holstein zeigt, wie die Energiewende gelingen kann.“ Und er warb für den Standort: „Als künftige Wasserstoffdrehscheibe bieten wir beste Voraussetzungen für Investitionen in klimaneutrale Industrie.“
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