: Ende eines Dissidenten
■ Mitch Snyder, Held der US-Obdachlosen, ist tot
Washington (taz) - Er war unorthodox, unberechenbar und immer unbequem. Dem politischen Establishment in den USA war er lästig, die Medien tolerierten ihn nur, weil er es verstand, ihnen Schlagzeilen zu liefern. Berühmt und „berüchtigt“ wurde er vor einigen Jahren durch einen über 50tägigen Hungerstreik, mit dem er die Situation der bis zu drei Millionen Obdachlosen in Amerika, dem Land des Überflusses, auf die politische Tagesordnung setzte. Mitch Snyder, Aussteiger aus einer Businesskarriere, Veteran der Anti-Vietnamkrieg-Bewegung, überzeugter Christ und selbsternannter Fürsprecher der Obdachlosen, hat sich am Mittwoch in Washington im Alter von 46 Jahren das Leben genommen.
Mitte der 80er Jahre hatte Snyder der Regierung Gelder für die Errichtung eines selbstverwalteten Obdachlosenasyls an der DStreet in Washington abgetrotzt. Unter der Selbstregie des „Zentrums für kreative Gewaltlosigkeit“ organisieren hier seitdem mehrere hundert Obdachlose in einem riesigen ehemaligen Verwaltungsgebäude ihr Zuhause. Auch Mitch Snyder lebte - nach einer selbstgewählten Zeit auf der Straße hier in „seinem“ Obdachlosenheim. Von hier aus organisierte er im letzten Sommer einen Obdachlosenmarsch auf Washington, der 300.000 Demonstranten für ein Recht auf „Housing Now“ vor das Kapitol brachte.
Entmutigt über Rückschläge bei der Finanzierung des Zentrums durch den Washingtoner Stadtrat hat Mitch Snyder am Mittwoch seinen Kampf aufgegeben. Mit ihm verlieren die Obdachlosen ihren wirksamsten Advokaten und die USA einen ihrer wenigen noch verbleibenden Dissidenten.
Rolf Paasch
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 40.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen