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Einmal HipHop auf den Heiland

■ Witzige Verrenkungen in der Welt der Gangster: Das „Junge Forum Musiktheater“zeigt „Happy End“in den Kammerspielen

Bill's Ballhaus in Chicago: Ein Raum, ausgekleidet mit einer quietschorangenen, kleingemusterten 70er Jahre-Tapete, an einer Wand hängt ein Wildschweinkopf, vor dem Tresen stehen ein paar Stühle herum. Ein paar coole Typen in Trainingsjacken, Cowboystiefeln und Schlaghosen quatschen belangloses Zeug, trinken Whisky und schließen unsinnige Wetten ab. Sie gehören alle Bill Crackers (Matthias Bernhold) Verbrechergang an.

In diese Machowelt platzt Lilian Holiday (Anna Schäfer) mit ihrer Heilsarmee herein und versucht mit missionarischem Eifer, die Gang auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Dabei verliebt sie sich in den Boß der Gang. Zwei Menschen aus zwei verschiedenen Welten stoßen aufeinander. Und das führt zu witzigen Verstrickungen.

Das Musikstück Happy End ist wahrscheinlich in brechtscher Teamarbeit (Sex für Text) mit Elisabeth Hauptmann entstanden. Dabei können heute lediglich die Songs eindeutig Bertolt Brecht und Kurt Weill zugeschrieben werden.

Die Übersetzung des Stückes von 1929 in die 90er Jahre ist Corinna von Rad mit ihrem Team vom „Jungen Forum Musiktheater“glänzend gelungen. Marxistische Utopien wurden reduziert und ironisiert: Am Ende des Stückes wenden sich alle Figuren gelangweilt ab, als der Droschkenfahrer versucht, eine sozial- emanzipatorische Rede zu halten.

Das andere Anliegen des Stückes, nämlich die amerikanische Großstadt als Experimentierfeld für die Bühne zu nutzen, ist mit zeitgemäßen Mitteln umgesetzt worden: Wort-Hip-Hop, Slapstick und Alltagssprache lassen die Jungs der Gang noch cooler erscheinen, als sie es mit ihren Szeneklamotten (Emily Phillips), ihrer Gestik und ihrem ritualisierten Cliquenverhalten schon sind. Und wenn sie dann ihre Songs singen (Musikalische Leitung: Ferdinand von Seebach und Dieter Glawischnig), bringen sie den Heilsarmeetrupp mit seinem zunächst militärischen Auftreten ziemlich von seinen missionarischen Zielen ab.

Die Hauptdarstellerin Anna Schäfer brilliert mit Gestik: ihre Verunsicherung in der Welt der Gangster unterstreicht sie mit seltsamen Verenkungen und nervösen Zuckungen.

Uschi Behrendt

bis 26. April, 20 Uhr, sonntags 19 Uhr, Kammerspiele

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