: Ein Märchen
■ Der Mensch und die Geduld
Einmal, als Gottvater noch auf Erden wandelte, wollte er prüfen, wer am meisten aushielt. Er prüfte den Stein, aber der Stein hatte keine Geduld. Er zersprang. Er nahm andere Dinge: Eisen, Kupfer, Holz und andere haltbare Dinge, aber alle zerbrachen. Nicht einmal die Erde hielt. Auch sie bekam Risse. Da wandte sich Gottvater zu den Tieren. Er suchte die stärksten Tiere aus, die es gibt: Löwen, Bären, Wölfe und andere Raubtiere, und prüfte sie, ob sie wohl Geduld hätten.
Aber wahrhaftig, keins von diesen Tieren besaß diese Gabe.
Da wandte er sich zum Menschen. Er prüfte ihn lange. Aber der Mensch hatte Geduld. Er war das einzige, von allen geschaffenen Wesen, das Geduld besaß. Und so ist es. In wieviel Kümmernissen, in wieviel Elend man auch steckt — es geht dennoch. Man kann so arm sein, daß man keine Schuhe mehr an den Füßen und kein Essen für den Tag hat, und es geht trotzdem. Wir können mit ansehen, wie unsere Kinder sterben, und dennoch halten wir aus. Ja, bald vergessen wir auch... aus: »Taikon erzählt Zigeunermärchen«, dtv
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen