Ein Film über Staub: Mehr als der Anfang von Schmutz

In Hartmut Bitomsky Essayfilm "Staub" enthält dieser eine ganze Welt. Die Geschichte verschwundener Industrien lässt sich aus ihm lesen und der Urknall simulieren.

Keine Simulation, sondern echte Sterne, umhüllt von Gas und Staub Bild: dpa

Von dem Philosophen Roland Barthes ist jene Geschichte eines buddhistischen Asketen überliefert, der aus einer Saubohne eine ganze Landschaft herauslesen konnte. Hartmut Bitomskys neuer Dokumentarfilm "Staub" leistet Vergleichbares und bedient sich dabei allein des Mediums Film: Ausgehend von den kleinsten Dingen stellt er nachgerade kosmische Zusammenhänge her. Das Sujet könnte auf den ersten Blick nicht profaner sein, gilt Staub den meisten Menschen doch zuallererst als lästige Substanz, die sich auf Kommoden und Couchtischen niederlässt. Staub ist der Anfang von Schmutz und mit bloßem Auge kaum zu sehen, also eigentlich alles andere als filmtauglich. Staub ist etwas, was wir alle mehr oder minder gnadenlos bekämpfen, und so findet er sich dann auch reichlich an jenen Stellen, "wo das Leben zum Stillstand kommt" - so Bitomsky einmal aus dem Off -, weil dann niemand mehr für seine Beseitigung sorgt.

Staubjäger sind im Film, wenig verwunderlich, in der Mehrheit, wobei es sich um eine schillernde Auswahl mit vielseitigen Methoden handelt: eine Museumsmitarbeiterin, die Marienfiguren reinigt und Mutmaßungen darüber anstellt, dass es im Grunde die Besucher sind, die den Staub erst hineintragen; eine Hausfrau mit Putzfimmel, die sogar ihren Fernseher aufschraubt, um sein Inneres von den verhassten Partikeln zu befreien; oder ein Ingenieur, der ein komplexes Luftreinigungsgerät mit Wasserfilter entworfen hat und es stolz demonstriert. Sie alle sind von ihrem Tun überzeugt. Bitomskys Blick erfreut sich freilich nicht oberflächlich an ihrer Kuriosität (obwohl er weiß, dass sie ihren Kampf nie gewinnen werden), sondern ist ernsthaft an ihren Tätigkeiten interessiert.

In sachlichem Gestus werden Abläufe, ja Techniken des Entstaubens gezeigt. Der Formenreichtum des Staubs spiegelt sich auf der Seite seiner Beseitiger wieder, und es liegt etwas Gleichnishaftes darin, dass der Mensch sich so sehr gegen jenen Stoff sträubt, zu dem er irgendwann selbst zerfällt.

Die Filme Bitomskys waren schon immer mehr den verschlungenen Wegen des Essayismus verpflichtet als einem akademischen Dokumentarismus. Man denke nur an "Highway 40 West", das Roadmovie eines Archäologen, der die Bilder einer Straße und ihre Vergangenheit erforscht und darüber eine Art Sozialgeschichte erstellt. Oder an "Reichsautobahn", den Film, in dem er Hitlers "Straße ohne Hindernisse" über ihre medialen Darstellungen beschreibt und ein ästhetisches Regime aufscheinen lässt. "Staub" nimmt vielleicht insofern eine Sonderstellung in Bitomskys Werk ein, als der filigrane Filmstoff noch offener für Querverweise und Exkurse aller Art erscheint.

Natürlich geht es um Arbeit - gleich zu Beginn heißt es "Staub ist Arbeit und ein Geschäft" - beziehungsweise um den Niedergang industrieller Arbeitsformen. Der Staub, der einstige Fabrikgelände überzuckert, legt davon Zeugnis ab. Hier wird er tatsächlich zum Archiv, wie eine von ihrem Forschungsgegenstand entzückte Staubarchäologin im Film einmal meint. Die Beschaffenheit des Staubs erlaubt Rückschlüsse auf seine frühere Form - wer ihn also zu lesen vermag, dem gibt er auch seine Vergangenheit und Herkunft preis. Auf der anderen Seite dieser Skala des Verschwindens liegt der Arbeitsplatz der Zukunft, eine völlig staubfreie Zone, ein Ort ohne Menschen.

Die Staubdeuter treten in verschiedenen Funktionen auf. Besonders da, wo es um die Schädlichkeit bestimmter Typen von Feinstaub geht, die beinahe unbemerkt in die menschlichen Blutbahnen gelangen und Krankheiten verursachen, wird ihre Tätigkeit bedeutsam. Bitomsky folgt auch in diesen Szenen emsiger Wissenschaftlichkeit konzentriert Bestimmungsprozessen, behält aber zugleich auch im Blick, wem diese Arbeit dient. Einmal wird noch der Gesundheit halber geforscht, beim nächsten Mal verlangen es militärische Zwecke. Das wiederkehrende Bild dafür liefern Menschen in Ganzkörperoveralls, die wie aus einem Ökokatastrophenfilm wirken. Von da ist es nicht mehr weit zu astrophysikalischen Fragen, wenn beispielsweise die Entstehung von Galaxien simuliert wird, indem man Staub in Höchstgeschwindigkeit auf Staub treffen lässt.

Es ist die Arbeit einer äußerst dichten Montage, die "Staub" so ergiebig und abwechslungsreich macht und so verzweigt wie einen Hypertext, durch den man zum Glück mit kenntnisreicher Stimme geführt wird. Nicht nur weil das Staubkorn die kleinste Einheit des Bildes ist, kommt der Film auch immer wieder auf Fragen der Sichtbarkeit zurück. Staub gibt sich dem Auge nur über Umwege preis, es braucht eine Anstrengung, um ihn in seiner ganzen Vielseitigkeit sehen zu können. Vielleicht ist es das größte Verdienst dieses Films, dass er einem den Blick für die Allgegenwärtigkeit von Staub öffnet, aber nicht alle Illusionen zerstört: Schließlich ist selbst der blaue Himmel eine verstaubte Angelegenheit.

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