Ehemaliges Haus von Hermann Göring: Neues Flair für Nazi-Villa

In einem Dorf bei Nürnberg richtete die Stadt Hermann Göring ein Gästehaus ein. Jetzt wird die ehemalige Nazi-Villa zu einer Begegnungsstätte.

Gemaltes Bild eines alten Hauses, über das ein Pinsel einen Regenbogen malt

Frische Farben für historischen Ort Illustration: Sebastian König

PFEIFFERHÜTTE taz | Das Blätterrauschen ist umwerfend. Schon bei leichtem Wind nimmt einen die natürliche Geräuschkulisse in Beschlag. Das liegt am reichen Baumbestand, der das frühere Jagdhaus „Schloss Hubertus“ umgibt. Dichtes Blattwerk sorgt auch dafür, dass Spa­zier­gän­ge­r:in­nen und Rad­le­r:in­nen das Anwesen nicht wahrnehmen, wenn sie einen Steinwurf entfernt am ehrwürdigen Ludwig-Donau-Main-Kanal vorbeiziehen.

Das Haus mit Vergangenheit

Wir befinden uns in Pfeifferhütte, 20 Kilometer von Nürnberg entfernt. Ein versprengtes Örtchen, das zur Gemeinde Schwarzenbruck gehört. Als es Mitte des 19. Jahrhunderts eine Ladestelle am Alten Kanal bekam, florierte die Wirtschaft. Häuser wurden gebaut, um 1910 zog man am heutigen Salachweg die ersten Mauern hoch. Das Haus ist mehrmals vergrößert worden. Ein steinerner Fuchs ziert das Portal beim Kanal. Ob er mit einer jüdischen Familie dieses Namens von hier zu tun hat, ist offen. In den Unterlagen der Stadt Nürnberg ist nur zu finden, dass die Kommune die Immobilie, die samt Wohn-, Wald- und Rasenflächen 20.300 Quadratmeter umfasst, 1940 von den Kaufleuten Fritz und Wilhelm Speyer erwarb.

Entscheidend für den Kauf waren die Reichsparteitage des NS-Regimes. Die Stadt suchte nach einem repräsentativen Gästehaus für Hermann Göring, der sich das Gebäude teuer umbauen ließ – mit feinstem Marmor, Sandstein und Parkett. Und hartnäckig halten sich Gerüchte über einen unterirdischen Gang bis nach Nürnberg. Obwohl dort keine Reichsparteitage mehr stattfanden, wurde Göring samt Familie öfters in Pfeifferhütte gesichtet, wie der neue Eigentümer der Immobilie von Zeitzeugen erfahren hat: der Verein Laissez-Faire.

Ein Ort der Begegnung

Über zweieinhalb Jahre dauerte der Verhandlungsprozess mit Verwaltungen und Banken, bis der 2015 gegründete Verein den Zuschlag für seine Idee einer Kultur- und Begegnungsstätte erhielt. Tim Schenk, erster Vorsitzender und Designer von Beruf, veranstaltete mit Gleichgesinnten ab 2017 zwei Jahre Kulturevents. Seit Mai 2020 sitzt der 30-Jährige für die Bunte Liste im Schwarzenbrucker Gemeinderat. Und er hat es geschafft, die Entscheidungsträger vom Konzept des über 1.000 Mitglieder starken Vereins zu überzeugen.

Mit Vollzug des Kaufvertrags haben im Juni die Sanierungsarbeiten für die „Villa-Flaire“ begonnen. Röhrende Rasenmäher, Schleifgeräte und Hip-Hop-Musik übertönen nun regelmäßig das Blätterrauschen. Bereits im September soll die Gastronomie im Erdgeschoss eröffnet werden, verbunden mit einem Biergarten. Ein Tonstudio ist im Keller, ein Co-Working-Space im ersten Stock geplant. Neben Kunstraum, Erlebniswerkstatt, Jugendtreff, Café Se­nio­r*i­ta und einem „Geheimen Garten“ gilt der „Gedächtnisraum“ in einer noch von Spinnen bevölkerten Holzhütte als ein wichtiges Herzstück der Villa-Flaire. Tims Mutter Lena Schenk will dort die Vergangenheit dokumentieren.

Die zur Nazi-Villa erweiterte Jagdhütte hatte neben der braunen Vergangenheit auch noch andere dunkle Zeiten. Nach 1945 residierte darin ein Waisenhaus, in dem man alles andere als freundlich mit Kindern umging. Auf Erziehungsheim und Tbc-Heilstätte folgte die Schullandheimära von 1982 bis 2012. Nach drei Jahren Leerstand gab es das Intermezzo als Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge.

Eigenarbeit und Kontrolle

Viel Eigenarbeit und eine siebenstellige Summe will die Tochtergesellschaft des Vereins in die Villa-Flaire investieren. Die Stadt Nürnberg hat sich ein Rückkaufrecht gesichert. „Damit sind etwaige weitere Eigentumsübergänge und die Nutzung für die historisch belastete Immobilie weiterhin unter städtischer Kontrolle“, betont Wirtschaftsreferent Michael Fraas. Vom Sanierungsstand und vom Reiz des Blätterrauschens können sich Neugierige am 15. Juli bei einem Tag der offenen Tür ein Bild machen.

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Dieser Artikel stammt aus dem stadtland-Teil der taz am Wochenende, der maßgeblich von den Lokalredaktionen der taz in Berlin, Hamburg und Bremen verantwortet wird.

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