: Dummstark mit verdruckstem Humor
■ betr.: Sontheimer-Kündigung
Mir paßt es überhaupt nicht, daß Sontheimer geht. Als langjährige, mäßig-aufmerksame Leserin habe ich schon einige Schwankungen der taz überdauert. Erst zur Golfkriegs- und Wendezeit ging mir die Geduld aus. Ich habe gar nichts gegen Umdenken und Positionenwechseln, aber wenn man damit im Mainstream liegt, sollte man etwas länger hinschauen und zu Ende denken, ehe man das frischgewendete Ich an die große Glocke hängt. Die tazzen dieser Zeit waren derartig überfüllt mit den Klage- und Haßgesängen ehemaliger Linker, Gelegenheitszyniker, Neu-Pragmatiker, daß mir allmählich die Lust ausging, sie zu lesen, weil derartiges ohnehin in allen Zeitungen stand.
[...] Ich war drauf und dran, die taz abzubestellen. Dann kam Sontheimer; ich wartete mit dem Abbestellen, und allmählich setzte sich bei mir der Eindruck durch, daß die taz ihren Kurs gefunden habe, der angesichts der Sachlage nur ein Gegenkurs sein kann. Das gefiel mir, und ich vergaß das Abbestellen. Nun ist die Frage wieder akut.
Ich will eine kritische, schlagfertige, nachdenkliche, diskussionsfreudige, deutlich links (demokratisch-sozialistisch-ökologisch) orientierte taz – ein Forum abweichender Meinungen und Entwürfe, ein Platzhalter für die gegenwärtig abwesende Opposition; ein Stachel im dicken Hintern der Berufsrechthaber.
Bonne Chance Michael Sontheimer, Elke Schmitter, Jürgen Gottschlich. Ruth Rehmann, Trostberg/Obb.
Die Absonderung einer sogenannten „moral majority“ (MM) zum Artikel ihres Chefredakteurs in der Jubiläumsausgabe hatte es in sich. Selten gab sich ein Ressentiment gegen „68“ bzw. hier einen Achtundsechziger so frank und frei. Geradezu ungeschützt im offensichtlichen MM-Taumel, zugleich aber merkwürdig geduckt in der Autoritätsgebundenheit, lebte sich da ein beleidigter Haß aus, der Böses ahnen ließ.
Alle verkrampfte Selbstironie half wenig. Eine souveräne Konterattacke auf Sontheimers ebensolche Vorgabe hätte eine hinreißende Debatte werden können. Nichts da, eben „moral majority“, dummstark mit verdruckstem Humor.
Wunderbar die Vorstellung, angesichts so viel blöder Machtgeilheit massenweise rote Karten aus der Chefredaktion verteilt zu haben. Aber daß es umgekehrt kam, überraschte nur kurz. Es entsprach dem Geist der Mehrheitsmeinung. Dann kam die Kündigung.
Was noch folgte, paßt ins Bild: eine unsägliche Fotounterschrift („entsorgt und sorgenfrei... Lebensgefährtin... süßer Stammhalter“) als hämischer Fußtritt für den Geschaßten und eine adäquate „Richtigstellung“ („Behauptung unwahr... mit Bedauern zurück“) als erste Äußerung der neuen „Interims-Chefredaktion“... Das alles verheißt nichts Gutes. Johannes Winter, Rosbach
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