Doris AkrapGeraschel: Kriegswinter 2026: Die toten Schwäne im Landwehrkanal
Ein weißer Schwanenhals steckt kopfüber im zugefrorenen Landwehrkanal. Wenige Meter daneben ragt ein verdrehter Schwanenhals aus einem eingefrorenen Schwanenkörper Richtung Himmel, den Schnabel geöffnet. Ein schon leicht zerfledderter Schwanenkörper liegt mit ausgestreckten Flügeln nebendran, und noch ein paar Meter weiter liegt in der Mitte des Kanals ein weiterer großer weißer Haufen, in dessen Mitte rohes rotes Fleisch zu sehen ist. Auf ihm drauf und um ihn herum hüpfende Krähen, die auf den Schwanenkadaver einhacken.
Die toten Schwäne im zugefrorenen Landwehrkanal sind ein grausamer Anblick. Einer, der das Grauen des europäischen Kriegswinters 2025/26 aufs Dramatische symbolisiert. Dabei begann zumindest in Berlin alles mit Bildern, wie sie Pieter Bruegel im 16. Jahrhundert gemalt hatte: kleine bunte Menschenkleckse in weiß gepuderten Stadt- und Dorflandschaften. Zwar hat es seit dem 16. Jahrhundert selbst in Berlin schon einige Male Winter gegeben, so weiß, vereist und schlittschuhschlitternd war es jedoch schon lange nicht mehr.
Die Gesichter der Bewohner, sonst so graugriesgrämig wie der Himmel über ihnen, strahlten wie beim Anblick von Iced Matcha Latte im Plastikbecher für 4,33 Euro.
Das Lachen ist weg. Seit Wochen spiegelglatte Wege, Streusalzdesaster, eiskaltes Zehlendorf und jetzt auch noch Dutzende erfrorene Schwäne im Landwehrkanal. Als ich am Donnerstag an den erfrorenen Schwänen vorbeilaufe, tauchen vor meinem inneren Auge Bilder von winterlichen Schlachtfeldern auf: Einst erledigte die mörderische Eiseskälte antifaschistische Aufgaben (Stalingrad 1942/43).
Und gleich hinterher schieben sich die aktuellen Bilder, die dieser Tage aus der Ukraine kommen: frierende Menschen, meterlange Eiszapfen an Leitungen und in ausgebombten Wohnungen. Russland nutzt die Kälte als Waffe. Gezielt lässt Putin die Energieinfrastruktur der Ukraine angreifen. Der ukrainische Energieminister Denys Schmyhal spricht etwas martialisch vom „Versuch eines winterlichen Völkermords“.
Doch es bringt nichts, jedenfalls nicht im Westen. Weder das V-Wort, noch die grausamen Bilder erreichen hier die politischen Debatten. Schlimm-schlimm ist alles, was gerade noch so in Tages- und Talkshows gesagt wird. Während wir dabei zusehen, wie die Ukraine erfriert, wärmen wir uns an den gleich danach kommenden Bildern aus dem 25 Grad warmen Abu Dhabi, wo die Gespräche zwischen den russischen, ukrainischen und US-amerikanischen Vertretern stattfinden.
Weil weder Wasserschutzpolizei noch Feuerwehr oder Wildtierverband die toten Schwäne im Landwehrkanal vom Eis holt, ist in Berlin die moralische Empörung groß, der Anblick furchtbar.
Hier erscheinen zwei Kolumnen im Wechsel. Nächste Woche: „Grauzone“ von Erica Zingher
Dass weder die Nato noch Europa die Ukrainer vom Eis befreit, indem sie den Himmel über dem Land schließen, empört hier kaum jemanden mehr, nur der Anblick, den finden alle schlimm-schlimm. Es findet sich nach wie vor keine politische Mehrheit, die bereit wäre, für die Ukraine mehr zu opfern als bisher, und das ist im Wesentlichen Geld. Wir sitzen alles aus in der Hoffnung, dass das Gas reicht und die Winter nicht noch mal so hart werden.
Zwei Männer retteten am Dienstag mit ihrem Kajak einem im Landwehrkanal festgefrorenen Schwan das Leben. Sie wurden dafür im Internet gefeiert, vom Wildtierexperten des Senats aber kritisiert. So was sollten nur Profis machen. Warum die Profis aber die Schwäne erfrieren lassen und nicht mal die Kadaver einsammeln, hat der Senat nicht verraten.
Auch im Fall der Ukraine scheinen die Profis darauf zu warten, dass es wärmer wird und sich das Problem von allein löst. Die Ukrainer können nur noch darauf hoffen, dass zwei starke Typen mit Kajak vorbeikommen und sie retten.
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