: Die moderne Volkssage: auslandsfeindlich
■ Sagenhafte Geschichten schüren die Angst vor bestimmten Urlaubsländern
Wer weit reist, der kann gut lügen, sagt ein altes Sprichwort. Jedes Jahr aufs neue werden die sagenhaftesten Geschichten aus den Reiseländern erzählt, je weiter entfernt, desto abstruser: Wie in der Euro-Disney-Geisterbahn Kinder verschwinden, wie in der Türkei eine Organmafia deutsche Touristen zwangsoperiert, oder wie Blondinen aus dem marokkanischen Basar entführt werden und erst im Harem wieder aufwachen.
Solche Märchen können durchaus Touristenströme lenken, meint der Göttinger Volkskundler Rolf Wilhelm Brednich, wenn sich Fiktion und Wirklichkeit vermischen. Seit Jahren sammelt Brednich diese dunklen Geschichten. Sein ernüchterndes Fazit: „Die moderne Volkssage ist auslandsfeindlich.“ Wer kennt sie nicht, diese „Tatsachenberichte“ von Bekannten zweiten Grades: „Die Eltern meines Kegelbruders waren doch letzten Sommer am Gardasee.
Die wurden am Hotel von einem freundlichen Pagen in Empfang genommen, der anbietet, den Reisewagen auf den hauseigenen Parkplatz zu fahren, und auch prompt den Schlüssel bekommt. Der Page ist aber falsch und verschwindet mit Fahrzeug und Gepäck. Da mußten sie mit der Bahn heimreisen. Zu Hause finden sie aber im Briefkasten eine Einladung des Hotels zu einem kostenlosen Wiedergutmachungsaufenthalt. Sie freuen sich natürlich und brechen gleich wieder auf zu ihrem Gardasee. Und im Hotel weiß man von nichts; der Brief war auch gefälscht, und daheim plündern die Einbrecher ihr Haus.“ Wer's glaubt, wird selig, könnte man meinen. Aber diese Geschichte werden Millionen Menschen als Wahrheit verkauft – von nichtsahnenden Freunden oder von der Bild- Zeitung, die diese Geschichte im Sommerloch gedruckt hatte.
Doch nicht nur die Boulevardpresse unterhält ihre Leser mit solchen aktuellen Märchen, sondern auch viele Tageszeitungen auf ihrer bunten Seite „Aus aller Welt“. Sogar der Spiegel recherchierte einen längst als Sage entlarvten Fall: Ein junger Mann lernt in einer Diskothek eine Frau kennen. Nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht findet er im Bad die Notiz „Willkommen im Aidsclub“ vor. Und der ehemalige bayerische Staatssekretär Peter Gauweiler zitierte die Begebenheit gar zur Begründung seiner Aidspolitik.
Die Moral der modernen Sagen: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich.“ Der Volkskundler Brednich konnte einen regelrechten Angst-Atlas erstellen, der die dunklen Orte unserer Welt besonders in den Mittelmeerländern ansiedelt: In Frankreich verschwinden die Menschen aus Vergnügungsparks; in den Balkanländern wird gelyncht; in der Türkei hat man es auf deutsche Nieren abgesehen; Marokkaner kidnappen blonde Frauen; Spanier narkotisieren und bestehlen Campinggäste; in Italien werden auf sagenhafte Weise Autos geklaut.
Die Grenzen zwischen Wahrheit und Sage sind so sehr verwischt, daß Brednich ständig zweifeln muß, welcher wahre Kern in einer neuen Sage steckt. Er selbst fahre jedenfalls nicht mehr mit dem Auto nach Italien. Der Reiz der Sagen, so Brednich, liege in einer Mischung aus unterschwelligen Ängsten gegen alles Fremde und Unberechenbare und der Lust, in der aufgeklärten Welt noch das Unerklärliche zu entdecken.
Der weise Alte, der früher die dunkelsten Dinge zu erzählen wußte, wird abgelöst von dem geltungsbedürftigen Weltmann, der die Sagen der Saison an der Hotelbar aufschnappt und weitererzählt.
Als Gerücht der letzten Urlaubssaison wurde zum Beispiel die Geschichte von jener Familie aufgetischt, die sich eigentlich keinen Urlaub leisten konnte, dies aber nach außen auf keinen Fall zugeben wollte. So ließen sie die Fensterläden herunter und verschwanden für zwei Wochen im Keller, bis die Nachbarn einen Lichtschein entdeckten und die Polizei alarmierten.
Die Moral von dieser G'schicht: Wer nicht weit reist, der kann auch nicht gut lügen.
Stefan Brunn
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