Die Wahrheit

Schmutziges Spiel

Was ist die Steigerung zum dreckigen Sieg? Richtig, die dreckige Niederlage. Das erwartet Handball-Kids, wenn sie gegen die eigenen Eltern antreten.

Einmal im Jahr veranstaltet unser Handballverein die obligatorische Club-Feier. Höhepunkt ist das Spiel Eltern gegen Kinder. Bis zur D-Jugend hat das Spaß gemacht. Den Bengels wurden die Hammelbeine langgezogen, und es flossen niedliche Kullertränen, weil sie mit ihren Emotionen noch nicht so umgehen konnten.

Beim letzten Aufeinandertreffen allerdings musste ich am Tag darauf zum Arzt. Im vorigen Jahr kam gar kein Spiel mehr zustande, weil die meisten Eltern kniffen. Aus den kleinen Kackern waren quasi über Nacht US-Marines geworden, auf Kehle dressiert, mit allen schmutzigen Wassern gewaschen. „Schau mal lieber in deinen Impfpass!“, riet meine Frau, als sie den Gebiss-abdruck auf meiner Schulter sah.

Ich kann mich noch an den Tag erinnern, der alles veränderte. Die Bälger spielten in der C-Jugend im unteren Drittel der Tabelle und trafen mal wieder auf einen Gegner, der sie einkochen würde. Das Hinspiel hatten sie haushoch verloren, und jetzt fiel auch noch der Trainer wegen Alkoholvergiftung aus. Der Spielmacher der ersten Herren erklärte sich bereit, die Mannschaft zu coachen und sie auf den Gegner einzustellen. Was dann kam, war eine Ermächtigungsrede von Churchill’schem Format. „Wir können sie vielleicht nicht schlagen“, sagte er mit Betonung, „aber wir können die Herzen eurer Mütter und Väter mit Stolz erfüllen.“

Fast zärtlich legte er den beiden Spielern links und rechts die Arme um die Schulter. Alle machten es nach und steckten im Kreis die Köpfe zusammen. „Wir können sie nicht schlagen, keiner könnte sie schlagen“, raunte er, „aber eins können wir tun, und das werden wir auch tun. Wir werden dafür sorgen, dass sie nie wieder gern in unsere Stadt kommen.“ Meine Nackenhaare stellten sich auf. Herrgott, wie gern wäre ich mit ihnen in den Krieg gezogen.

Siege, die bei 90 Grad gewaschen werden müssen

Die Jungs grinsten. Anders als ich besaßen sie ein entspanntes Verhältnis zum Pathos. Aber als sie aufs Spielfeld marschierten, sah ich, dass es trotzdem funk­tio­nierte. Der Coach hatte sie auf Überlebensgröße aufgepumpt – und sie machten das Spiel ihres Lebens.

Es gibt ja sogenannte dreckige Siege. Von denen sprechen die Fans immer voller Hochachtung, weil sie weniger verdient als gewaltsam erzwungen worden sind. Aber was diese jungen Handballrecken hier darboten, war eine weitere Steigerungsform – die dreckige Niederlage. Denn natürlich gewannen die anderen haushoch. Aber die Gegner hatten auf einmal keinen Spaß mehr daran. Sie wollten einfach nur nach Hause.

Unsere Bubis wurden jetzt nicht zu guten Handballern. Natürlich nicht. Sie verloren regelmäßig mit zehn Punkten Differenz. Aber sie hatten einen Weg gefunden, ihre Niederlagen zu transformieren in etwas Würdiges. Gut, das eher nicht. Aber sie stahlen den Siegern ihren Triumph, zogen sie hinab zu sich in die Gosse, taten unglaublich schmutzige Dinge mit ihnen. Einer musste immer in den Impfpass schauen.

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