: Die Taube und die Krähe
Was sonst noch geschah: eine Jagd auf Leben und Tod. Und Zuschauer, die hilflos empört zusehen mussten
Von Dirk Knipphals
Zuerst war da nur ein Schwall flatternder Energie im Augenwinkel. Als nächstes sah man, wie eine Taube mit abgespreizten Flügeln sich in der Berliner Kolonnenstraße ganz in einen Hauseingang drückte, man wusste nur nicht, wieso. Doch schon im nächsten Augenblick wusste man es. Eine Krähe schoss aus der Luft auf die Taube zu.
Die Taube floh, die Krähe sofort hinter ihr her. Hin und her, zick und zack ging der Flug über die Fahrbahn, die beiden Tiere hatten nur noch Aufmerksamkeit füreinander. Wenn sie zu nah der Straße kamen, mussten sie zwischendurch noch mit rasanten Wendungen den Autos und Radfahrern ausweichen. Es war ein paarmal sehr knapp. Ein Spiel? Nein. Eine Jagd? Ja. Und ein Mordversuch, sprühend von Aggressivität mitten im meistens zurückgelehnten Schöneberg (wobei es allerdings kürzlich zweimal in der Gegend zu Schießereien gekommen war, eine andere Geschichte). Es ging, das war klar, hier zwischen Taube und Krähe auf Leben und Tod.
Passanten blieben stehen und sahen erst verwundert, bald empört zu. Alle waren auf Seite der Taube. Doch die Krähe ließ nicht von ihrem Opfer ab. Mehrmals rammte sie die Taube in der Luft. Es gab kein Entkommen.
Schließlich landete die Taube, offensichtlich am Ende ihrer Kräfte, erneut auf dem Bürgersteig. Wieder drückte sie sich in eine Ecke. Die Krähe sofort hinter ihr her. Mit den Krallen war sie an der Taube. Mit dem Kopf holte sie weit aus und rammte ihren Schnabel der Taube mitten in die Brust.
Das war der Moment, als die Zuschauer, die zuerst befremdet und zunehmend empört dem Spektakel zugesehen hatten, einschritten. Schsch, machten sie und gingen auf die Krähe zu, die eben ihren Kopf zielend ein zweites Mal zurückgebogen hatte, um noch einmal zuzustoßen. Als sie die Zuschauer sah, ließ sie aber von ihrem Opfer ab und flog oben auf die nächststehende Straßenlaterne. Hilflos anklagend sahen die Passanten zu ihr herauf.
Die Taube konnte aber nicht mehr weiterfliegen. Mit abgespreiztem, vielleicht gebrochenem Flügel lag sie auf dem Bürgersteig und zuckte noch ein wenig. Ein Passant ging auf die Straßenlaterne zu und wollte die Krähe mit ruckartigen Armbewegungen vertreiben. Doch sie blieb da oben sitzen und sah auf die sterbende, nein verendende Taube herab.
Was sonst noch passierte: Autos fuhren vorbei. Andere Tauben kreisten etwas weiter die Straße herunter unbeirrt am Himmel. Die Fußgängerampel sprang von Rot auf Grün. Es wurde dunkel. Und man musste seine Einkäufe nach Hause bringen. Was mit der Taube weiter geschah, bleibt unklar. Am folgenden Tag lag sie nicht mehr da.
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