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Die Stars im Wahnzimmer

■ Deichtorhalle wird zum Publikumsmagnet dank Blume, Leibowitz und Sturtevant

Bilderwelten unterschiedlichster Art ziehen derzeit die Menschen zu Tausenden in die nördliche Deichtorhalle. Die amerikanische Starfotografin Annie Leibowitz ist mit ihren inszenierten VIP-Fotos der größte Publikumsmagnet. Das hat den Vorteil, daß auch am Wochenende das Gedrängel vor den großformatigen Fotoserien der Kölner Anna und Bernhard Johannes Blume und den Nachempfindungen berühmter Kunstwerke der Amerikanerin Elaine Sturtevant ausbleibt.

Nach einem kurzen Bad im Pulk vor den Scheinwelten amerikanischer Stars, kann man sich mit dem Ehepaar Blume in die Abgründe scheinbarer Wirklichkeit begeben. Mit schlafwandlerischer Sicherheit durchmißt der Mensch bekanntlich die ihm gewohnten Dimensionen des Alltags - gehören diese doch zum sichersten und bestbekannten Terrain seiner ansonsten feindlichen „Umwelt“. Um Staubtuch und Wischlappen zu finden, braucht man kaum die Augen zu öffnen, die Wahrnehmung langweilt sich und schaltet ab. Das Ehepaar Anna und Bernhard Johannes Blume mißtraut der wohligen deutschen Wohnzimmer-Idylle und erzählt auf großformatigen Fotoserien aus einer Alltagswelt, in der die Schwerkraft ausgehebelt ist und die Gegenstände ein Eigenleben entwickeln. Besser als es Anna Blume im Katalog beschreibt, läßt sich der Wahn im Wohnzimmer kaum ausdrücken: „Seßhaftigkeit wird zur Besessenheit, Wahrnehmungshelligkeit verschwindet in das Dunkele zurück und in das Vertraute. Gewöhnliches Geschirr und der gewohnte Arbeitsstapel türmen sich in solchen Augenblicken (...) ins Unendlich-Immer-Gleiche, und die latente Wut, durch Pflichtbewußtsein weiterhin ins Seelisch-Unbewußte abgedrängt, läßt diese Gegenstände dann als Äußerungen, ja als Manifestationen des Gemütszustandes erscheinen.“ Unter dem Titel „Zu Hause und im Wald“ sind die Fotoserien aus den Jahren 1978 bis 1992 zusammengefaßt. So sehr die Blumes von fliegenden Untertassen, umstürzenden Sofas und Schränken gefoppt werden, so sehr fremdeln sie als Darsteller im deutschen Wald. Aber was als Wald er-

scheint, sind nur noch Reste und Abglanz jenes deutschen Mythos, den Romantiker besangen und Wandervögel suchten. Zwischen kahlen Stümpfen und aufgetürmten Stämmen haben sich die Blumes mal als arg- und ahnungslose Waldeslustsucher abgelichtet, mal als demütige Baumstammanbeter und mal als Opfer der Natur eingeklemmt zwischen Stämmen. Die Serie „Wahnzimmer“ ist um einen Irrgarten aus Wohnzimmermöbeln gruppiert, die Serie „Im Wald“ läßt sich von zwei langen Holzbänken

aus betrachten. Empfehlenswert ist der zur Ausstellung erschienene Katalog voller wunderbarer Blume- Texte, der allerdings nur in überflüssiger Plastikfolie eingeschweißt erhältlich ist.

Elaine Sturtevant widmet sich dem Thema des Originals, indem sie weltbekannte Werke von Joseph Beuys, Jasper Johns, Marcel Duchamp und anderen nachschöpft. Was in den Akademien des 18. Jahrhunderts noch als Geschmacks- und Handwerksschulung intensiv betrieben wurde, nämlich

die Werke großer Meister nachzubilden, wird seit dem 19. Jahrhundert eher unter dem Begriff Plagiat geführt. Doch durch die Auswahl ihrer Vorbilder, die allesamt Künstler waren, die selbst mit der Thematik der Vervielfältigung und des Originals beschäftigten, führt Sturtevant eine Idee fort und vermag es auch, die Verunsicherung, die diese Werke einmal auslösten, wiederzubeleben. Julia Kossmann

Ausstellung noch bis zum 27.9., Katalog „Zu Hause und im Wald“ 30 Mark, „Sturtevant“ 45 Mark

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