: Die Stadt, der Müll, der Kiez
Nirgendwo in Deutschland prallen die unterschiedlichen Lebensentwürfe so hart aufeinander wie in Berlin – diese Erkenntnis hat bislang noch jede Wahl in der Hauptstadt überlebt. Aber was soll bleiben? Was sich ändern? Dazu sechs Anmerkungen
Freie Fahrt und Wegbier
Das Individuum ist eine Kreuzung, hat der Ethnologe Claude Lévi-Strauss einmal gesagt, keine feste Entität, sondern eine Begebenheit, ein Rahmen, in dem sich verschiedene Bewegungen treffen. Der Geist einer Stadt, das, was sie ausmacht, ist das vielleicht auch: eine Kreuzung.
Nun gibt es in Berlin sehr unterschiedliche Kreuzungen. Es gibt diese in Beton und Asphalt gegossenen Mobilitätsträume, in denen Berlin Los Angeles nachspielt (West) oder sich für die Aufmärsche der Arbeiterklasse vorbereitet hat (Ost). Es gibt aber, oft nur eine Abbiegung weiter, auch diese lauschigen, kiezigen Ecken, in denen man Menschen beim In-die-Sonne-Blinzeln zusehen kann.
Interessant wird es immer, wenn beides aufeinanderstößt. Etwa entlang der Hauptstraßen, auf denen die Menschen, die an der Peripherie wohnen, ins Zentrum fahren, zum Arzt, ins Büro oder ins Theater, und dort auf die Innenstadtbewohner mit Lastenrad oder Wegbier treffen. Die einen wollen nur schnell irgendwohin, die anderen aber hier leben, quatschen, Kinder großziehen. An so einer Kreuzung kann man den Lebensentwürfen beim Kollidieren zusehen. Wohnen im Grünen, aber mit den Möglichkeiten der Metropole, versus Wohnen mittendrin, aber mit Lebensqualität – das passt halt nicht zusammen. Man sieht’s an den Wahlbezirken: grün und rot in der Mitte, schwarz und blau drum herum. Bei Wahlen in Berlin geht es immer auch darum, wer seinen Lebensentwurf durchsetzen kann – die Außenbezirke (freie Fahrt, Mehrspurigkeit, Bebauung des Tempelhofer Felds) oder die Innenstädtler (Tempo 30, Spielstraßen, Fußgängerampeln).
Neulich aber gab es Kolonnenstraße Ecke Crellestraße, das ist so eine Kreuzung von Durchgangs- und Kiezstraße, einen Wasserrohrbruch. Zehn Meter hoch spritzte die Fontäne. Autos hielten an, Passanten blieben stehen, alles guckte. Und als der anstürmende Feuerwehrmann mit einem gewaltigen Hydrantenschlüssel das Rohr abgedreht hatte, applaudierten alle gemeinsam und hatten gute Laune – auch das gehört zum Geist dieser Stadt. Ein Stück weit – oder man kann es sich zumindest so zurechtlegen – war es auch Comic Relief nach den AfD-Stimmenzuwächsen. Manchmal trifft sich an Kreuzungen halt tatsächlich etwas. Dann verläuft es sich wieder. Dirk Knipphals
Die Stadt und der Dreck
Berlin, du altes Drecksloch. Stadt der zugemüllten Grünflächen, überquellenden Mülleimer, taubenverkackten Brücken und vollgepinkelten Ecken. Unhygienisch, verwahrlost, unkultiviert. Niemand kümmert sich, alle machen, was sie wollen, und Geld ist auch keins da.
Das Klagelied vom räudigen, unregierbaren Berlin ist immer auch eins über die Urbanität als solche. Kästners „Fabian“ kartografierte die Stadt 1931 so: „Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang.“ Als zeitgenössische Schwundstufe dieses moralischen Leidens an der Stadt bleibt: der Müll. Im Wahlkampf ist er omnipräsent. Nicht nur im Law-and-Order-Milieu wird eine saubere und sichere Stadt versprochen („Jedem Anfang wohnt ein Sauber inne“, CDU). Auch die Grünen („Ist das Kunst, oder wer macht’s weg?“) und sogar die Linke („Müllchaos beenden“) machen mit beim Großreinemachen.
Ist es wirklich nur herumliegender Unrat, der hier gemeint ist? Paris, San Francisco oder Neapel sind an vielen Stellen dreckiger. Näher kommt man der Sache mit einem berühmten Zitat von CDU-Saubermann Klaus Landowsky: „Wo Müll ist, sind Ratten, und wo Verwahrlosung herrscht, ist Gesindel. Das muss in der Stadt beseitigt werden.“ Diese Unverblümtheit ist nicht mehr zeitgemäß. Doch die Denkrichtung ist nicht ausgestorben: Johanna Adorján, die unlängst in der Süddeutschen eine Philippika gegen die Verwahrlosung Berlins geschrieben hat, macht ihren Ekel bezeichnenderweise zu einem guten Teil an stinkenden Obdachlosen, heruntergekommenen Drogenabhängigen und abgetakelten Nachtlebengestalten fest. Sie sind die Verursacher der Urinpfützen im U-Bahn-Waggon, der Kotzlachen im Hauseingang, der Spritzen. Sie sind Menschen, und sie leben hier. Nach dem Untergang kommt die Dummheit, heißt es bei Kästner. Nina Apin
Bewachte Orte
Vor der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte stehen zwei Polizisten Wache. Die restaurierte Zweiturmfassade mit der weithin sichtbaren, im Sonnenlicht glitzernden Kuppel ist eines der Wahrzeichen im Ostteil der Stadt. Im 19. Jahrhundert errichtet, wurde die Synagoge 1938 von der SA geschändet, zu großen Teilen zerstört. Erst 1988 entschloss sich die DDR in ihrer Endphase durch die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, das Gebäude in Teilen zu rekonstruieren, jüdische Kultur hier wieder sichtbar zu machen. Die Arbeiten wurden Mitte der 1990er Jahre in der Bundesrepublik beendet, der Ort mit einer 2018 überarbeiteten Dauerausstellung zur Geschichte wieder öffentlich zugänglich gemacht.
Nach dem Angriff eines islamistischen Syrers 2019 wurden die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. Seit dem 7. Oktober 2023, dem Überfall der Hamas und anderer Dschihadisten auf Israel und dem dadurch ausgelösten Gazakrieg, gibt es jedoch auch in Berlin eine zunehmende Gefährdung. Vor dem Staatsschutzsenat des Kammergerichts in Berlin wird seit dem 8. September gegen eine siebenköpfige Hamaszelle verhandelt, deren Mitglieder zum Teil in Berlin lebten. Sie hatten umfangreiche Waffenlager angelegt und sollen weitreichende Attentate gegen jüdische, israelische und proisraelisch eingestellte Menschen und Einrichtungen geplant haben.
Durch zusätzlich aufgestellte Poller und die Eingangsschleuse scheint die Neue Synagoge in Berlin relativ gut geschützt. Derzeit sind dort auch zwei zusätzliche temporäre Ausstellungen zu besichtigen: „Forms of Alignment“, Konzeptkunst von Jason Hendrik Hansma, Michaela Meise, Katja Pilipenko, Ariel Schlesinger und Claudia Wieser; sowie die von Jonathan Guggenberger kuratierte Video- und Soundinstallation „Stolz und Vorurteil“, die „Miniaturen jüdischer Gegenwart in Europa“ präsentiert. Die unfolkloristischen Kurzfilme von Nico Beyer veranschaulichen auf anregende Weise, dass es den einen „typisch jüdischen“ Lebenshintergrund nicht gibt. Das Gemeinsame bildet sich durch historische Erfahrung und Kultur aus den vielen diversen Individuen. Und durch schwarzen Humor. So wie es der Bäcker Zeevi („beste Pita Berlins“!) in einem der Kurzvideos ausdrückt: Es gibt für jedes Problem eine Lösung – jede Lösung war ja zunächst ein Problem. Dies auch, obwohl Zeevi von Veränderungen in Neukölln erzählt, derentwegen er sich dort nicht mehr wirklich wohlfühlen konnte.
Ach, Neukölln, du Stadtteil, in dem Neostalinisten, Islamisten und Antisemiten die Partei Die Linke übernahmen und auf einer Wahlparty zusammen mit dem Rapper Dahabflex den „Kampf gegen den Kapitalismus“ mit Aufrufen zum Terrorismus verbinden: „Yalla, yalla Intifada, Westbank, Palästina, Gaza“, „Death to the IDF“ – ein Antisemitismus, der prominente Linke-Politiker wie Klaus Lederer und Elke Breitenbach aus der Partei getrieben hat. Und doch soll es den Linksaktivisten um bezahlbaren Wohnraum gehen? Die Poller vor jüdischen Einrichtungen dürften in nächster Zeit kaum weniger werden. Andreas Fanizadeh
Cooles Radfahren
Warum ist es in Paris cool, mit dem Fahrrad zu fahren, und in Berlin nicht? Warum hat es schon etwas Erhabenes, auf dem Velo in einem Flow mit den vielen anderen auf der Rue de Rivoli am Louvre vorbeizugleiten? Geschmeidig großstädtisch fühlt sich das an, auch mit Kindersitz, auf dem Lastenrad, mit Helm, also mit den gemeinhin eher biederen Attributen des Fahrrads. In Berlin hingegen kämpft man sich recht einsam selbst mit dem geilsten Rad an den aufgeplatzten Wegen ab, zwängt sich seitlich an die riesigen, aber nur dünn von Autos befahrenen Straßenachsen, vorbei an einem Schloss, das auch fett ist, aber leider nun mal nicht so echt barock wie der Louvre. Trotzdem kann man nicht behaupten, dass die raue Kulisse von Berlin fürs Radfahren so viel weniger cool wäre als der Prunk von Paris. Was in Paris den Unterschied macht, ist, dass die Stadt unter der Bürgermeisterin Anne Hidalgo ihr komplettes innerstädtisches, schon ewig in den Asphalt gepresstes Straßensystem einfach mal so umgestülpt hat, dass selbstverständlich dort Radfahrer:innen, Fußgänger:innen und Autofahrer:innen zusammen klarkommen müssen.
Das ist freilich nicht immer friedlich, auch in Paris gibt es einen Battle bei rechts vor links, Auto vor Rad. Aber mit dem Rad mitten auf den Straßen dieser Postkarteninnenstadt zu floaten, ist dort eine Art Universalrecht.
In Berlin hingegen ist es eher das Recht der Einzelnen, also der einzelnen Bezirke, und macht jäh an ihren Grenzen halt. Wie man in Berlin mit dem Rad unterwegs ist, ob im autofreien Kiez neben Blumenwiesen oder im Slalom um in zweiter Reihe parkende SUVs, ist vor allem Ausdruck der politischen Färbung eines Stadtbezirks.
Selbst die neutralsten Radfahrer:innen werden durch Berlins verkehrsplanerische Kleinstaaterei zum politischen Bekenntnis gezwungen. Vor allem in einem vom Wahlkampf aufgeheizten Frontmachen: Bist du auch „grün versifft“? Ja oder nein? Wie unentspannt. Sophie Jung
Falsche Appelle
Wahlentscheidungen erfolgen oft aufgrund von Unzufriedenheit und schlechter Laune. Darf man vom Souverän mehr Eigenverantwortung verlangen, als sich bei der Stimmabgabe vom Bauchgefühl an die Urne leiten zu lassen? Was das Motzen angeht, hat Berlin eine lange Tradition, wie die Anekdote vom Schriftsteller Heinrich Heine belegt, der auf Besuch bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel in Berlin um 1821 Begeisterung über die Sternenkonstellation vor dem Fenster zum Ausdruck brachte, woraufhin der Philosoph mit den Worten abwinkte, Sterne seien lediglich „ein leuchtender Aussatz am Himmel“.
Foto: westend61/deepol/plainpicture
Ähnlich mau fällt mein Urteil über die Berliner Linkspartei aus, deren Wahlanreize mir trotz der Appelle diverser Akteure des Musikbetriebs weiterhin verschlossen bleiben. Immer wenn ich kurz davor stehe, Die Linke als sozialdemokratische Partei alten Zuschnitts einzuordnen, schießt sie mir verlässlich vor den Bug (wie mit dem Auftritt des Rappers Dahabflex auf einer Wahlkampfveranstaltung). Ihre UnterstützerInnen bleiben stur bei ihrer unkritischen Haltung zur Partei, jede noch so aberwitzige Volte wird verziehen: So wurde mir gesagt, wer – wie ich – den Antisemitismus des Neuköllner Bezirksverbands für inakzeptabel hält, mache „sich mit Rechten gemein“ und betreibe „deren Agenda“! Als gäbe es keine linke Form von Kritik an Antisemitismus. Als gäbe es keine Lehren aus der deutschen Geschichte, die für Linke gelten. Als spiele Nahostpolitik eine übergeordnete Rolle bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus.
Demokratie heißt für mich Selbstbestimmung.
Dann schrieb mir jemand in einer SMS, wer nicht für die Linkspartei stimme, „spiele der CDU in die Hände“. Ich will die Bebauung des Tempelhofer Felds verhindern und möchte, dass die Verkehrspolitik des noch amtierenden schwarz-roten Senats und seiner Lobby für SUV-Raser:innen schnellstmöglich rückgängig gemacht wird. Dafür muss ich keinesfalls die Linkspartei wählen. Julian Weber
Ohne Wohnung
„Wie meinst Krise, Spatzl?“ Dieser Spruch aus der 80er-Jahre-Fernsehserie „Monaco Franze“ ziert meine Wohnzimmerwand seit geraumer Zeit. Was einst nur ein kultiger Spruch war, lässt sich heute auf ein reelles Problem beziehen: den Berliner Mietenmarkt. Denn Krise, das ist für viele Berliner*innen längst Alltag geworden. Wer heute eine bezahlbare Wohnung sucht, kennt das Gefühl: Dutzende Bewerbungen, Wartelisten, keine Antwort oder eine Kaltmiete, die den Monatslohn auffrisst. Zwischen 2010 und heute haben sich die Mieten teils verdoppelt, während man mit Neubauten kaum hinterherkommt.
Der Mietendeckel scheiterte vor Gericht, die Mietpreisbremse greift kaum, und Investoren kaufen ganze Häuserzeilen auf, um sie zu sanieren und danach teurer weiterzuvermieten. Was bleibt, ist eine Stadt, die sich selbst fremd wird: Wo früher WGs, Künstler*innen und Familien lebten, ziehen heute oft nur noch die ein, die es sich leisten können. Am sichtbarsten wird die Krise dort, wo sie sich nicht mehr wegdiskutieren lässt: Die Zahl wohnungsloser Menschen in Berlin steigt seit Jahren.
Der Spruch aus „Monaco Franze“ klingt da fast wie leiser Trotz; ein Lächeln gegen die Verhältnisse. Doch anders als der Franze auf dem Sofa haben viele in Berlin keine Wahl, ob sie die Krise ernst nehmen wollen. Sie müssen. Sophia Zessnik
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen