Die Komische Oper singt auf Tschechisch: Neuer Blick auf eine alte Tragödie

An der Komischen Oper Berlin halten bei der Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper „Katja Kabanowa“ Frauen alle Fäden in der Hand. Eine Rezension.

Ein Mann und drei Frauen sitzen an einer Tafel und essen Mittag: Szenenfoto aus der Oper "Katja Kabanowa" an der Komische Oper Berlin

Szenenfoto aus der Oper „Katja Kabanowa“ an der Komische Oper Berlin Foto: Komische Oper Berlin/Jaro Suffner

„Die Pauke ist verstimmt!“, raunt der dicke Mann neben mir laut seiner Frau zu, sobald das Orchester unter Giedrė Šlekytė die ersten Takte von Leoš Janáčeks Musik intoniert. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wieder dicht an dicht zu sitzen mit fremden Menschen, hat man sich doch an die Armfreiheit der Pandemie­bestuhlung gewöhnt. Die aktuelle Regelung an der Komischen Oper Berlin sieht offenbar vor, dass jeder Platz besetzt werden kann. Dafür dürfen die Masken nicht mehr abgenommen werden.

Das geht natürlich in Ordnung; und dass der extrabreite Mann an meinem rechten Ellbogen nicht dafür gemacht ist, im engen Theatergestühl zu sitzen, und ich mich jedes Mal dünn machen muss, wenn er sich ein wenig dreht, ist einfach Pech. Immerhin hält er für den Rest der Vorstellung den Mund, denn wahrscheinlich hat er ziemlich schnell verstanden, dass die Pauke keineswegs verstimmt ist.

Und mit seinem Unbehagen hat er ja recht: Die Pauke stört immens. Bum-bum-bum-bum-bam-bam-bam-bam, tönt sie immer wieder zweimal vier Schläge und scheint sich einen Dreck darum zu scheren, was der Rest des Orchesters treibt. Es ist eine sehr herausfordernde Art von Schicksalsmotiv, das damit der Handlung vorausklingt.

Die Unerbittlichkeit, die in der penetrant wiederholten, gradzahligen Anordnung der Töne liegt, spiegelt sich, wenn man ein bisschen Zahlenmetaphorik betreibt, in dieser „Katja Kabanowa“-Inszenierung von Jetske Mijnssen auch im Bühnenbild von Julia Katharina Berndt. Es ist nämlich ausgesprochen viereckig und besteht aus mehreren identischen, rechteckigen Räumen, die im Bühnenhintergrund aufgebaut sind. Aus der Perspektive des Publikums erscheinen die SängerInnen in diesen Kästen eingesperrt wie Tiere im Terrarium.

Die Dimensionen der tschechischen Sprache

Und als wäre das nicht genug, sind sie in so spießige, diffus an 60er-Jahre-Büroklamotten erinnernde Kostüme gekleidet, dass man, obwohl man ja gerade in der Oper sitzt, oft geradezu erstaunt ist, dass diese farblosen Figuren tatsächlich singen. Leoš Janáček (1854–1928) verbrachte einen Großteil seines Komponistenlebens damit, die musikalischen Dimensionen der tschechischen Sprache zu erforschen und motivisch zu verarbeiten.

Das Schicksal der verheirateten Katja Kabanowa, die nach einer Affäre an Schuldgefühlen und den rigiden Moralvorstellungen ihrer Umwelt zerbricht, hat er in ein musikalisches Drama verwandelt, das allein durch diese Musik auch ein Jahrhundert nach seiner Entstehung noch immer wirkt.

Annette Dasch in der Hauptrolle leistet sowohl stimmlich als auch textlich ein enormes Pensum, denn es wird in Originalsprache gesungen; von den meisten Ausführenden sogar in ziemlich deutlicher Diktion. Noch besser durchhörbar haben Giedrė Šle­kytė und das Orchester die vielschichtige Partitur im Griff.

Am Schluss, nachdem der Paukist ein allerletztes Mal sein Bum-bum-bum-bum-bam-bam-bam-bam beigesteuert hat, ist der breite Herr von nebenan der Erste, der laut „Bravo! Bravo!“ ruft.

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Dieser Artikel stammt aus dem stadtland-Teil der taz am Wochenende, der maßgeblich von den Lokalredaktionen der taz in Berlin, Hamburg und Bremen verantwortet wird.

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