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Die Geister, die er rief...

Khomeini, Rushdie und die Folgen  ■ K O M M E N T A R E

In einer Zeit, da sich die Handlungsreisenden aus dem Westen in Teheran die Klinke in die Hand geben, sorgt Ayatollah Khomeini zwar nicht mit den Hinrichtungen im eigenen Land, aber immerhin mit seiner Aufforderung zum Mord an dem Schriftsteller Salman Rushdie für Schlagzeilen. Wir hören von Killerkommandos, die schon unterwegs sein sollen, von der Reaktion der Moslems, von Aufforderungen an die Moslems auch, sich von dem blutrünstigen Greis zu distanzieren. Das Anliegen ist sicher aufrecht. Doch die Reaktion im Westen darf keine Formen annehmen, die geeignet sind, latenten Vorurteilen gegenüber einer anderen Glaubensgemeinschaft Vorschub zu leisten. Nur zu leicht wird übersehen, daß Szenen wie die Bücherverbrennung in Bradford beispielsweise in der gesamten arabischen Welt ausblieben. Im Falle Khomeinis und seiner Mitstreiter bleibt festzustellen, daß sie erst nach den Ereignissen in Pakistan, wo demonstrierende Fundamentalisten von Kugeln der Polizei getötet wurden, auf den fahrenden Zug aufsprangen. Das Buch Rushdies, der Aufruf zum Mord und die Aussetzung des Kopfgeldes wurden im Iran zum Mittel einer erbittert geführten innenpolitischen Auseinandersetzung über die Öffnung zum Westen.

Zehn Jahre nach dem Sturz des Schahs wird diese Entwicklung von einem Teil der Regimeanhänger als Ausverkauf der Revolution an die großen und kleinen Satane dieser Welt empfunden, als Verrat an den Zielen einer Revolution, für die zahlreiche ihrer Brüder in den Minenfeldern des Krieges ihr Leben lassen mußten. Diese Fraktion griff die Gelegenheit beim Schopfe, nicht nur die Politik der Öffnung mit jedem Mittel zu torpedieren, sondern auch wenigstens punktuell den revolutionären Eifer des Jahres 1979 neu zu entfachen. Doch die Demonstration vor der britischen Botschaft in der letzten Woche ist mit den Massenaufmärschen von damals in keinster Weise zu vergleichen.

Die Intervention des Revolutionsführers selbst muß dabei vor dem Hintergrund gesehen werden, daß sein Image nach dem überraschenden Einschwenken auf die UNO -Waffenstillstandsresolution im Golfkrieg auch unter seinen Anhängern angeschlagen ist. Daher tritt Khomeini derzeit weniger als Politiker in Erscheinung, sondern versucht, seine Rolle als religiöser Führer stärker zu betonen, um verlorenes Terrain wieder wettzumachen. Es war Staatspräsident Ali Khamenei, der am vergangenen Freitag, den Rückzug einleitete. Doch es ist die Frage, ob Khomeini die mörderischen Geister, die er rief, auch wieder loswird. Selbst in Teheran baut man bereits vor: Wenn Iran jetzt von der Verfolgung Rushdies Abstand nehmen sollte, hieß es am Sonntag in der Presse, müsse damit gerechnet werden, daß der Autor von israelischen oder irakischen Agenten umgebracht und die Tat Iran zur Last gelegt werde... Ein Szenario, bei dem es einem kalt den Rücken hinunterläuft. Khomeini hat mit seinem Mordaufruf nicht nur dem Ansehen des Islam in aller Welt geschadet, sondern vor allem den Moslems, die in westlichen Gesellschaften leben, in den Ländern also, die auch Ziel potentieller Anschläge werden könnten.

Beate Seel

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