: Die Fauna im Zeitraffer der Städte
Tiere passen sich verstärkt an das Anthropozän an. Auf Pirsch in einem Kölner Park
Von Ernst Jordan
„Sehen Sie das?“, fragt uns Willy Neumann auf einen Obdachlosen zeigend, der ein paar Meter weiter vor einer U-Bahn-Station schläft. Neumann strahlt. „Was Sie da sehen, ist der neueste Trick des Birkenspanners!“ Und tatsächlich, als wir uns dem vermeintlichen Obdachlosen nähern, löst dieser sich in einen bunten Schwarm Schmetterlinge auf. „Der beste Weg für das Insekt, in der Großstadt in Ruhe gelassen zu werden“, weiß Neumann.
Die Birkenspanner sind hier im Inneren Grüngürtel, Kölns größtem Park, nur die erste Station einer Parkbegehung, mit der der Urban-Zoologe uns die rasante Evolution von Tieren in einer mehr und mehr menschengemachten Umwelt vorführt. Normalerweise gilt die Evolution als aufreibend langwieriger Prozess, der in Zeiträumen von Jahrmillionen Tiere immer komischer aussehen lässt. Doch im herrschenden Anthropozän geht, fliegt, kriecht und schwimmt die Veränderung der Fauna deutlich schneller voran.
Insbesondere in der Großstadt laufe dieser Prozess dann nochmal wie auf Steroiden ab, erklärt uns Neumann beim Schlendern durch den sonnigen Spätnachmittag. Diese Wachstumsbeschleuniger habe die Evolution vermutlich vor den immer zahlreicheren Fitnessstudios gefunden und gleich für sich zu nutzen gewusst. Fitnessstudios seien jedoch bei Weitem nicht die einzigen Evolutionsgewinner, fährt der Kräuselbarthaarträger fort: „Die Amsel zum Beispiel ist als Kulturfolger mittlerweile in allen Städten mit eigenem Tatort-Ermittlerteam heimisch.“
Mit diesem Erfolg sei sie allerdings die Ausnahme. Die meisten Tierarten litten unter dem hohen Anpassungsdruck einer sich außerhalb von Infrastrukturprojekten rasch verändernden Umwelt. „Schauen Sie sich etwa die Stadttaube an“: In einem Versuch sei festgestellt worden, dass städtische Tauben ganze 26 Tage vor ihren Artgenossen auf dem Land geschlechtsreif würden. „Gleichzeitig halten Modetrends in der schnelllebigen Großstadt rund zwei Jahre kürzer als auf dem Land.“ Ein häufigerer Feder- und Kleiderwechsel koste aber zusätzliche Zeit vor dem Spiegel, der bei der Partnersuche dann fehle. Und tatsächlich trägt die Taube auf der Mauer vor uns bereits trendige Low Waiste Jeans, während den Tauben, die wir aus dem Zug gesehen haben, noch Skinny Jeans zur erfolgreichen Paarung reichten.
Zusätzlich zum Balzverhalten verändere sich auch das Fressverhalten der Tiere, neue ökologische Nischen seien entstanden, erklärt Neumann weiter, während wir uns vom Spaziergang bei einem Kranz Kölsch in einem schattigen Biergarten erholen. „Tatsächlich beobachten wir gerade, wie sich die Taubenpopulation entlang von Futtervorlieben spaltet. Wir nennen das kulinarische Artbildung.“
Das Gros der Tauben bevorzuge weiterhin normale Burger, ein kleiner, aber wachsender Teil habe sich an die trendigen Smash Burger angepasst. „Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der Unterschied lediglich darin besteht, dass auf den einen Burger draufgehauen wurde und auf den anderen nicht!“, zeigt sich Neumann begeistert. Forscher vermuten als Ursache ein Bakterium im Magen der Tauben, das knusprige Lebensmittel besonders gut verwerten kann.
Während wir Neumann zuhören, neigen sich Tag und Spaziergang dem Ende zu wie die unerfahrenen Slackliner dem Boden zwischen den alten Pappeln am Wegesrand. Den Urban-Zoologen stimmt der friedliche Anblick des noch immer belebten Parks nachdenklich. Die Veränderung der Tiere habe schließlich auch Rückwirkungen auf den Menschen: Imbisse an der See mussten schließen, weil spezialisierte Möwen allen Gästen die Fritten klauten, die Steinlaus verhindere das Aufkommen guten Fernsehhumors. Und andernorts zögen zu saubere Flüsse Lachse an, die wiederum Bären anlockten. „Ich rechne für die nächsten Jahre mit dreistelligen Bärenangriffszahlen allein entlang der renaturierten Ruhr“, schüttelt Neumann besorgt den Kopf.
Trotz all der Negativbeispiele zweifle er jedoch keine Sekunde an der Überlebensfähigkeit der Tiere. Die Glühwürmchen, die gerade überall um uns herum aus der Dunkelheit auftauchen, seien das beste Beispiel. „Da, da! Schauen Sie!“ zeigt er auf einige blinkende Punkte am Rheinufer. Nach einigen Minuten geschieht Magisches: Die Glühwürmchen formen einen QR-Code, der zu einer Seite im Netz mit Rabattcodes führt.
Die Tiere hätten, so Neumann, kollektiv verstanden, dass Menschen eher bereit sind, ihren eigenen Vorteil zu schützen als die Schönheit der Natur. „Das Anpassen des Blinkens ist also eine wirklich erstaunliche Überlebensstrategie in Zeiten des globalen Insektensterbens“, beendet der Kölner Experte seinen Satz. Dann löst sich Willy Neumann in einen Schwarm Nachtfalter auf.
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