: Die Bucht und die Gespenster
In seinem ersten Comic beschäftigt sich Marius Schmidt mit der Versenkung der „Cap Arcona“ im Jahr 1945, die 7.000 zivilen Opfer und den Versuch, das alles zu verdrängen

Von Imke Staats
Der Sommer füllt die Strände mit heiterem Badetrubel, auch in der Lübecker Bucht. Kaum jemand wird dabei an die Ereignisse denken, die sich dort vor inzwischen fast 80 Jahren zugetragen haben, Anfang Mai 1945. Aber es ist ja auch kaum vorstellbar, dass unter dem Sand möglicherweise noch die Gebeine von Menschen liegen, die zum Ende des Zweiten Weltkriegs zu Tausenden hier starben, an Bord der „Cap Arcona“.
Manövrierunfähig lag der ehemalige Transatlantikliner Ende April 1945 vor Neustadt, voll mit Menschen, die die SS vor den herannahenden Briten aus dem Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg weggeschafft hatte, um ihre Gräueltaten dort zu verwischen. Am 3. Mai bombardierte die Royal Air Force das Schiff – in der Annahme, es sei Teil der nationalsozialistischen Flotte und könnte versuchen, das neutrale Norwegen zu erreichen. Vollständig zum Kentern brachte das Bombardement die „Cap Arcone“ nicht, die Ostsee ist an dieser Stelle zu flach dafür.
Mehr als 7.000 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, starben durch Feuer an Bord oder beim Versuch, durch das kalte Wasser an Land zu schwimmen. In den folgenden Tagen war die Lübecker Bucht voller Leichen. Gleichzeitig baten Überlebende der Todesmärsche hier um Unterkunft, Flüchtlinge aller Art strandeten, SS-Leute versuchten zu entkommen.
In Form eines Comics erzählt Marius Schmidt von den Folgen des Unglücks, von Chaos und Leid, die in den Tagen danach die Gegend beherrschten. Dabei werden wir außerdem Zeugen eines Krimis, der sich auf zwischenmenschlicher Ebene zutrug, unbemerkt inmitten all der Unübersichtlichkeit. Und wir wechseln zwischen den Zeiten: 1987 befindet sich an gleicher Stelle ein Campingplatz, und ein Fundstück ruft die Erinnerung wach an die damaligen Ereignisse.
Buch Marius Schmidt: „Aale und Gespenster“. Avant-Verlag, Berlin 2025. 224 Seiten, vierfarbig, 25 Euro
Lesung So, 6. 7., 15 Uhr, Galerie in der Wassermühle Trittau. Eintritt frei, Anmeldung an info@galerie-wassermuehle-trittau.de
Schmidt erzählt die Freundschaft zwischen Casimir, einem jungen Deserteur und Fischer, und Rimsky, der plötzlich an der Bucht auftaucht. Casimir hat seit dem Bombardement Leichen in den Netzen und lässt sie im Wasser, um später die fettesten Aale zu „ernten“; die mag trotz Hunger niemand essen. Beide gehen abends auf Plündertouren, rudern heimlich zum Wrack, um die Beute dann an „die Maja“ zu verhökern. Die Tage verbringen sie mit Anna, der Tochter von Casimirs Vermieterin. Annas Misstrauen, ihre Neugier und ihr Mut verschaffen ihr Einblicke, führen aber auch in ein weiteres Dilemma.
Marius Schmidt, geboren 1983 in Braunschweig und im Hamburger Umland aufgewachsen, hat in Berlin bildende Kunst studiert. In seinem ersten Comic versteht er es, auf subtile Art viel von den Charakteren zu vermitteln, von der Bandbreite menschlichen Schicksals, ohne dass er davon explizit erzählt: Er lässt die Leser merken, wie belastet die Protagonisten sind durch Geheimnisse, die sie in sich tragen, durch die Unzumutbarkeit der Situation. Anna kann als Tochter eines Nazi-Kommandeurs nicht aus ihrer Haut, Rimsky muss seine Vergangenheit kaschieren, Ich-Erzähler Casimir trägt albtraumgeplagt und schweigend sein Päckchen noch bis in die 1980er-Jahre. Auch Randfiguren wie Rimskys Freundin lassen ahnen, welche menschlichen Missstände neben der allgemeinen Krise an den Seelen nagten. Und wie sie sich fortschreiben über Generationen, gerade weil sie nie groß thematisiert werden – auch die 1987 auftauchende Marianne ist eine Suchende.
Zugunsten des Leseflusses verzichtet Schmidt auf die Frames, die in den meisten Comics die Bilder voneinander trennen. Stattdessen arrangiert er kleine Aquarelle auf den Panels, beinahe wie Flecken. Die Farben scheinen flüssig, die Konturen sind oft eher angedeutet als ausdefiniert. Formen können interpretiert werden, als Schatten – oder Gespenster.

Inspiriert wurde Schmidt durch seine Großmutter, die er oft an der Ostseeküste in Sierksdorf besuchte – in unmittelbarer Nähe des beschwiegenen Unglücksortes: Von dem so prägenden Ereignis wurde nie wirklich erzählt, es blieb bei Andeutungen, die er als Kind nicht verstand. Auch der vermeidende Umgang mit einem solchen Trauma beschäftigt ihn in diesem Comic. Das wird deutlich, wenn die Handlung ins Jahr 1987 springt, wo nichts mehr den Eindruck eines ganz normalen, freundlichen Urlaubsortes stört. Der Preis für die Idylle ist weitgehend Verdrängung. Die Polizei archiviert auch das störende Campingplatz-Fundstück, beschwichtigt die Finder. Und die eigentlichen Fragen bleiben offen.
Bis 1950 noch ragte das Wrack der „Cap Arcona“ aus der flachen Ostsee, bis auch diese sichtbare Erinnerung demontiert wurde. Wer heute etwas sehen will, muss sich bemühen. Doch ein typischer Ostsee-Ausflug kommt aus ohne einen Besuch der insgesamt 13 Mahnmale und Gedenkstätten auf den Friedhöfen in der Region.
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