Detlef Diederichsen Böse Musik: Bring me the Head of Ernst Litfaß
Neulich dachte ich entsetzt: Oje, wann ist denn Mireille Mathieu gestorben? Das habe ich ja gar nicht mitbekommen! Und das kam so: Wenn ich mich über das aktuelle Konzert-, Club- und Festivalgeschehen informieren will, steuere ich eine bestimmte Bahnunterführung in Hamburg an. Wenn ich an der Plakatepracht unter den zwölf Gleisen entlangflaniert bin, habe ich das Gefühl, umfassend unterrichtet zu sein. Doch dieses Gefühl täuscht. Nicht nur, dass die großen Stadionproduktionen und andere Zehntausend-plus-Events hier fehlen – es gibt noch einen Mittelbau, der in eine ganz eigene Welt des Musikgenusses führt und hier auch nicht vertreten ist: Oft sehr gut besuchte Veranstaltungen, bei denen man sich dennoch fragt, ob sie nicht vielleicht in einer Parallelwelt stattfinden, ob sie nicht vielleicht von und für Echsenmenschen durchgeführt werden. Kommuniziert werden sie für gewöhnlich über Litfaßsäulen.
Seit 1855 zieren die von dem Berliner Drucker Ernst Litfaß ersonnenen Säulen den öffentlichen Raum in Deutschland. Lange gaben sie einen einigermaßen ausgewogenen Querschnitt über alle Arten von Verkaufs- und Propagandaaktivitäten: Zigaretten, Süßwaren, Veranstaltungen, Parteien. In den letzten Jahren haben sie sich jedoch zunehmend auf Unternehmungen fokussiert, die für eigene Welten und Kulte stehen, die abseits von den populären Diskursen existieren. Hochzeitsmessen etwa, Sexmessen, Edelsteinmessen. Auch sehr viel Musik, aber hier sind es vor allem Veranstaltungen aus dem Revivalsegment: eine Tom-Petty-&-The-Heartbreakers-Revival-Band etwa oder „Jan Plewka singt Simon & Garfunkel“.
Mittendrin Plakate, die stutzig machen: Leonard Cohen – ist der nicht tot? Die Bee Gees – sind die nicht zu zwei Dritteln tot? Falco meets Amadeus – häh? Der Hinweis, dass es sich hierbei um „Tribute“-Veranstaltungen handelt, ist oft winzig klein und womöglich absichtlich schwer zu finden, analog dem Hinweis auf Risiken und Nebenwirkungen in der Kijimea-Reizdarm-Reklame.
Da könnte ein flüchtiger Passant schon mal denken: „Leonard Cohen kommt? Den hat doch meine Schwägerin immer so gerne gehört! Da will ich ihr doch mal zum Namenstag zwei Tickets schenken …“ Dass in dieser Gesellschaft für die Abschiedstournee der quicklebendigen Mireille Mathieu geworben wird, hat da schon fast etwas Makaberes.
Detlef Diederichsen lebt als Autor und Musiker in Hamburg.
In Darmstadt steht eine Litfaß-Säule, in der sich ein geheimer Zugang zum Jenseits befindet, so berichtete es Arno Schmidt hundert Jahre nach Erfindung der Litfaß-Säule in seinem Text „Tina/ oder über die Unsterblichkeit“. Es handelt sich um ein spezielles Jenseits, reserviert für Autor*innen. Sie müssen dort so lange ausharren, bis sich niemand mehr an sie erinnert, also keins ihrer Werke mehr zugänglich ist, nichts mehr zitiert wird, niemand mehr ihren Namen nennt. Erst dann geht’s endlich in die ewigen Jagdgründe.
Die Betroffenen empfinden diesen Zustand keineswegs als angenehm, sondern als große Pein und verfluchen dementsprechend Literaturwissenschaftler*innen, Archivar*innen und schlaubergerische Autor*innen à la Arno Schmidt, die Spaß darin finden, fast vergessene Texte von Anno Dunnemals ans Licht zu ziehen. Den größten Hass empfinden sie aber für Gutenberg, und in der Folge versteckt sich der arme Mann „in öden Wäldern, erlesen einsamen Klüften; ständig auf der Flucht, schläft jede Nacht woanders“. Wenn man davon ausgeht, dass ein vergleichbarer Wartesaal auch für verstorbene Musikschaffende existiert, stellt sich die Frage, wem dort aktuell wohl der größte Hass gilt? Thomas Alva Edison? Daniel Ek?
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