: „Der Trend geht zu Megabränden“
Im Oktober geht die Waldbrandsaison in Europa zu Ende, auch in diesem Jahr wurden riesige Ökosysteme zerstört. Doch sie können sich erholen, sagt die Forstwissenschaftlerin Magdalini Pleniou. Was Menschen dafür tun müssen
Foto: Athanasios Gioumpasis/getty images
Interview Marco Fründt
taz: Frau Pleniou, gibt es in Europa tatsächlich jedes Jahr mehr und stärkere Waldbrände?
Magdalini Pleniou: In mediterranen Ökosystemen wie Griechenland steigt die Gesamtzahl der Brände nicht jedes Jahr an, in einigen Gebieten hat sie sich aufgrund besserer Erkennung und Bekämpfung sogar stabilisiert oder ist zurückgegangen. Doch die Brände werden größer, intensiver, treten häufiger auf und sind schwerer zu kontrollieren. Der Trend geht hin zu Megabränden, die sich rasend schnell ausbreiten, ihr eigenes Wetter erzeugen und selbst die modernsten Brandbekämpfungssysteme überwältigen.
taz: Das klingt als könnte man die Brände kaum noch in den Griff bekommen.
Pleniou: Das muss man auch nicht unbedingt. Waldbrände sind nicht von Natur aus zerstörerisch. Feuer ist ein natürlicher und notwendiger Prozess für viele Ökosysteme, und manche benötigen sogar Feuer, um gesund zu bleiben. Brände können aber destruktiv werden, wenn sie zu häufig oder zu intensiv sind oder unter extremen Bedingungen auftreten. Deswegen müssen wir präventiv arbeiten, zum Beispiel mit Brandschneisen.
taz: Wie können Menschen vor Ort Brände verhindern?
Pleniou: Die Einheimischen sind diejenigen, die die Vegetation bewirtschaften, das Land pflegen und oft als Erste Brände entdecken. Ein erfolgreiches Beispiel für diese Zusammenarbeit ist der gezielte Weidebetrieb in Spanien und Portugal, wo Landwirte mit ihrem Vieh Brandschneisen erhalten und so brennbare Maße reduzieren. Das stellt eine wirksame, kostengünstige Strategie zum Brennstoffmanagement dar und unterstützt gleichzeitig die lokale Wirtschaft und traditionelle Lebensgrundlagen.
taz: Der feuersicherste Wald ist also einer, der von Menschen nachhaltig bewirtschaftet wird?
Pleniou: Ohne Einheimische, die Vieh weiden lassen, Holz ernten und den Wald pflegen, enthält die Landschaft mehr brennbare Stoffe, was in der Folge zu katastrophalen Waldbränden führen kann. Die Einbindung lokaler Gemeinschaften gewährleistet bessere Entscheidungen, verringert Konflikte und führt dank ihres Wissens und ihrer Unterstützung zu nachhaltigeren Ergebnissen.
taz: Sie forschen in Griechenland. Wie gut unterstützt Sie die dortige Regierung?
Pleniou: Zentral ist die Frage, wie Ressourcen und Finanzmittel verteilt werden. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass wir Geld für die Brandbekämpfung ausgeben, während deutlich weniger darein investiert wird, langfristig zu planen und die Brennstoffmenge zu reduzieren. Der Ansatz der Regierung räumt oft der unmittelbaren Sicherheit von Menschen und Eigentum Vorrang ein, was natürlich notwendig ist. Im Gegensatz dazu konzentrieren sich Umweltverbände auf die langfristige Widerstandsfähigkeit des Ökosystems.
taz: Wie können politische Entscheidungen denn konkret dazu beitragen, das Waldbrandrisiko zu verringern?
Pleniou: Raumplanung ist zum Beispiel eines der wirksamsten Instrumente zur Bewirtschaftung dieser Hochrisikogebiete. Die Tragödie des Waldbrands 2018 in Mati bei Athen ist ein bemerkenswertes Beispiel. Das Gebiet war dicht und oft unreguliert bebaut außerdem gab es zu wenig Fluchtwege. Deswegen konnte sich schnell ausbreitendes Feuer zu einer riesigen Katastrophe mit hohen Verlusten an Menschenleben entwickeln
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Magdalini Pleniou ist Forstwissenschaftlerin und arbeitet am Forest Research Institute in Thessaloniki. Sie ist spezialisiert auf die Regeneration von Wäldern nach Waldbränden.
taz: So viel zur Vorbeugung. Wie kann die Regeneration von Wäldern nach Bränden gezielt gefördert werden?
Pleniou: Viele Menschen glauben, die Lösung nach einem Brand bestehe darin, sofort Bäume zu pflanzen. Forschungsergebnisse belegen jedoch, dass die natürliche Regeneration effektiver ist. Wenn zu viele falsche Baumarten in dichten Reihen gepflanzt werden, kann das die Erholung des Ökosystems beeinträchtigen und sogar das Risiko künftiger Brände erhöhen.
taz: Also einfach alles lassen wie es ist?
Pleniou: Ganz so einfach ist es nicht. In stark geschädigten Gebieten, in denen eine natürliche Erholung nicht möglich ist, kann eine Wiederaufforstung notwendig sein. Als erstes müssen wir jedoch den Boden schützen. Erosion ist oft die größte Gefahr für die Erholung. Da reicht es schon, wenn man verbrannte Vegetation an Ort und Stelle lässt, kleine Barrieren an Hängen errichtet und die Gebiete in den ersten Jahren nicht zu intensiv als Weidefläche nutzt.
taz: Gibt es Wendepunkte, an denen sich ein Wald nicht mehr erholen kann?
Magdalini Pleniou, Waldbrandforscherin
Pleniou: Viele mediterrane Arten sind an Feuer angepasst und können sich ohne menschliche Hilfe regenerieren oder aus Samen keimen. In diesen Landschaften ist Feuer nicht per se eine Katastrophe, sondern erst mal ein Erneuerungsmechanismus. Daher ist es vor allem entscheidend, wiederholte Brände zu verhindern, denn junge Ökosysteme sind sehr anfällig. Wenn zu früh ein weiterer Brand auftritt, kann das die Landschaft dauerhaft in Busch- oder Grasland verwandeln.
taz: Sie haben auch im Dadia-Nationalpark geforscht. Dort hat es 2023 den größten Waldbrand in der Geschichte der EU gegeben. Was konnten Sie beobachten?
Pleniou: Im Dadia-Wald lassen die Analysen eine eindeutige Schlussfolgerung zu: Der Schweregrad des Brandes ist der wichtigste Faktor, der die Regeneration nach einem Brand beeinflusst. In Gebieten mit geringer bis mäßiger Brandschwere bleiben lebende Wurzeln und Samen erhalten und die Gebiete können sich innerhalb weniger Vegetationsperioden meistens aus eigener Kraft erholen. Im Gegensatz dazu gehen Gebiete mit hoher Brandschwere typischerweise mit Vegetationsverlust und geschädigten Böden einher. In solchen Fällen ist eine natürliche Regeneration weniger wahrscheinlich.
taz: Woran erkennt man, ob der Wald sich wirklich erholt?
Pleniou: In mediterranen Ökosystemen keimen nach einem Brand entweder Samen, etwa von Kiefern, oder neue Wurzeln treiben wie bei Eichen und Sträuchern aus Wurzeln aus, die überlebt haben. Viele Arten sind an Feuer angepasst und im Rahmen ihres Lebenszyklus darauf angewiesen. Eine stabile Regeneration ist erst dann erreicht, wenn die neue Baumgeneration die Fortpflanzungsreife erreicht hat und eigene Samen produzieren kann – ein Prozess, der bei mediterranen Kiefern etwa 15 bis 25 Jahre dauert. Wenn Brände zu häufig auftreten oder zu intensiv sind, insbesondere in Verbindung mit Dürre und Bodendegradation, kehren einige langsam wachsende oder feuerempfindliche Arten lokal möglicherweise gar nicht zurück.
taz: Wie gut lässt sich ein kritisches Waldbrandjahr anhand von Daten vorhersehen?
Pleniou: Wir können die Risikofaktoren über Wetter- und Klimaindikatoren, Temperaturabweichungen und Trockenheitswerte recht gut vorhersagen. Sehen wir beispielsweise einen warmen Sommer und geringe Niederschläge im Winter, steigt die Wahrscheinlichkeit eines kritischen Waldbrandjahres deutlich an. Allerdings gibt es wichtige Einschränkungen. Waldbrände werden nach wie vor häufig – ob absichtlich oder nicht – von Menschen verursacht. Außerdem werden sie von kurzfristigen Wetterbedingungen wie starken Winden beeinflusst. Daher können Klimadaten zwar darauf hindeuten, dass eine Saison sehr gefährlich ist, aber sie können nicht zuverlässig vorhersagen, ob ein bestimmtes Jahr katastrophal verlaufen wird.
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