piwik no script img

In der Berliner Galerie ep.contemporary setzt der Maler und Wissenschaftler Frank Siewert Wesen auf Leinwänden, Papierbögen und Einkaufstüten aus

„Amöben bilateral I“ aus dem Jahr 2012, gezeichnet mit Tusche, Graphit und Kreide auf Bütten Foto: Foto:

Von Robert Mießner

Manchmal ist alles ganz leicht, speziell, wenn man bedenkt, dass ein politischer Verführer aus ähnlichem Stoff ist wie Mikroben, Einzeller und Erreger, nur eben mit Vernunft begabt, geschlagen und jene für sich benutzend. Der Maler und Wissenschaftler Frank Siewert bringt sie alle auf die Leinwand, und jetzt teilen sich „der bedeutende Agitator“ und die „Amöben, bilateral“ zwei Ausstellungsräume in der Pohlstraße hinter der Potsdamer, da, wo Berlin bröckelt.

Dem Agitator sitzt ein Einflüsterer im Nacken, der Werber ist also alles andere als unabhängig. Siewert hat beide mit dunklem Strich auf Bütten gezeichnet, sie wirken, als lägen sie in der Petrischale unter einem Mikroskop, nicht anders als die Wechseltierchen und Erreger, denen Siewert ein Orangerot spendiert.

Siewert geht es um das Wesenhafte, nicht um bloße Wiedergabe; der Naturwissenschaftler ist kein Naturalist. Das Motto seiner Ausstellung „suchen, probieren, manchmal finden“ könnte am Eingang eines Labors stehen. Die Spuren dieser Suche sind die deutlichen von Pinsel und Feder.

Geboren wurde Frank Siewert 1963 in Ost-Berlin. In den 80er Jahren lernte er die staatsabgewandte Kunst der späten DDR-Jahre kennen. Was er da sah, nennt er nonkonformistisch, dem politische Verwertbarkeit antäuschendem Attribut oppositionell steht er skeptisch gegenüber. Zur Jahreswende 1984/85 stellte Siewert im Ost-Berliner Club 29, einem Ort der Off-Kultur gegenüber dem Kino Babylon, aus. Von 1987 bis 1990 arbeitete er mit der Künstlergruppe Echo in Freiberg. Der Künstler Siewert hat seitdem in Paris, in Tiflis und Havanna, im Georg-Trakl-Haus in Salzburg, der Staatsgalerie Prenzlauer Berg und im Stadt- und Bergbau-Museum Freiberg, der Stadt, in der Siewert Materialwissenschaften und Novalis Montanwissenschaften studierte, ausgestellt.

Nach der Jahrtausendwende traf Siewert eine Entscheidung, der er lange treu bleiben sollte: Vor dem Hintergrund der ausladenden Leinwände der Neuen Leipziger Schule, die Siewert, ein Mensch, der seine Worte abwägt, für stilistisch reaktionär hält, verabschiedete er sich vom Großformat.

In der aktuellen Ausstellung zeigt Siewert gleich vier wandfüllende Bilder: „Hermetisch 1“ und „Hermetisch 3“, beide hat er vor über fünfundzwanzig Jahren erst einmal zur Seite gestellt und jetzt abgeschlossen, der „Mensch in den Dingen“, der auch die hermetischen Landschaften bewohnt, und der „Kopf I“, in dem das Denken Farben und Formen annimmt.

Der Mensch bei Siewert hängt an Drähten, ist Seiltänzer oder liegt quer. Er tritt auf als „Großer Versteher / Durchblicker“ und ist dabei geballte Schwärze, er ist ein „Brummkopf“; das Gehirn, dieses sinnliche unter den Organen, bewohnt die „Omme“.

„Zellpaar“ aus 2015 Foto: Foto:

Seit einiger Zeit malt Siewert nicht nur auf Leinwand, sondern verwendet Einkaufstüten. Aus den Konsumträgern werden Farbträger. Aus einem knappen Dutzend hat er ein querformatiges Panorama erstellt, das das Siewertʼsche Multiversum noch einmal aufblättert.

Hinter den Bildern von Dressur und Erziehung, diese Ausstellung ist nicht harmlos, erzählt das Material noch ganz andere Geschichten. Eine der Tüten hat Siewert aus der Fundació Antoni Tàpies mitgebracht, eine andere aus dem Nationalen Palastmuseum in Taipeh, Taiwan, der Schatzkammer aus der Verbotenen Stadt in Peking, von Diktator Chiang Kai-shek nach dem chinesischen Bürgerkrieg auf die Insel geholt. Aber an den Fuß des Tütentableaus hat Frank Siewert ein Wesen mit floralem Innenleben gesetzt. Der „Botanicus“ empfiehlt, Zeit mitzubringen.

Frank Siewert: „suchen, probieren, manchmal finden“. ep.contemporary, Berlin. Bis 14. März

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen