Der Hausbesuch

Dunkelblau und Rosagold

Anne-Marie Mormon hat sich schon als Kind in Surinam vom Zauber der Glasperlen einfangen lassen. In Berlin hat sie daraus einen Erwerb gemacht.

Eine Frau brennt Glas in einer Werkstatt

Anne-Marie Mormon liebt Glasperlen und stellt sie selbst auch her Foto: Christian Mang

Wo man Wurzeln schlägt, ist immer ein Geheimnis. Anne-Marie Mormon kam von Surinam über Ams­ter­dam nach Berlin und blieb.

Draußen: Erst war das ­Gebäude in der Finckensteinallee in Lichterfelde im Süden Berlins die zentrale Kadettenanstalt der Preußischen Armee. Später nutzten die Nazis es militärisch Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die US-Armee die gesamte Kasernenanlage übernommen. Heute befindet sich das Bundesarchiv hier. Auf einem Zaun direkt daneben steht „Herzlich willkommen“. Gemeint sind die Geflüchteten der Gemeinschaftsunterkunft dahinter. Gegenüber wohnt Anne-Marie Mormon in einer Zweizimmerwohung in einer alten Villa.

Drinnen: Auf dem Arbeitstisch im Wohnzimmer liegen farbige Glasstäbe und kleine Scherben von zerbrochenen Flaschen wie auch Werkzeug. In den Regalen stapeln sich Zeitschriften über Glasperlenherstellung, Mode und Schmuck. In diesem Zimmer brennt die Flamme der Glaskünstlerin mehrmals am Tag.

Glas und Feuer: Mormon setzt sich die Schutzbrille auf und nimmt am Tisch Platz. Auf der Arbeitsplatte ist der Perlenbrenner befestigt, befeuert mit Gas. Anne-Marie Mormon dreht das Ventil des Brenners auf, das Feuer zischt hervor. Sie nimmt einen blauen Glasstab und erhitzt die Spitze bei 1.200 Grad, bis das Glas glüht und weich wird. „Man muss vorsichtig anfangen“, sagt sie und wickelt das bereits angeschmolzene Glasstäbchen um einen speziellen Dorn. Innerhalb weniger Minuten entsteht eine Spirale aus Glas. Fertig. Mormon knipst den Brenner aus, steht auf und legt die neue Perle in einen Kühlofen. „Vom Perlendrehen krieg ich nie genug“, sagt sie.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Glas in allen Varianten: Muranoglas ist ihr am liebsten. Mormon verwendet zudem gern Glas mit Silber. Einfaches Glas wie das von Sektflaschen eignet sich für ihren Schmuck auch. „Es muss nur eine schöne Farbe ­haben – dunkelblau, rosagold.“ Aus der feinen türkisfarbenen Glasvase, die vor ihr auf dem Tisch steht, wird sie ebenfalls Perlen drehen. Ab und zu stellen die Nachbarn vor ihrer Haustür auch Flaschen ab.

Surinam: Anne-Marie Mormon ist 1953 in Surinam geboren. Das kleine Land an der Nordostküste Südamerikas ist für seine Fußballer bekannt. Die niederländischen Superstars Edgar Davids, Patrick Kluivert und Frank Rijkaard stammen aus der ehemaligen niederländischen Kolonie. Erst 1973 wurde Surinam unabhängig. Anne-Marie hat mitgefeiert damals, aber nicht mehr als ein Jahr in der unabhängigen Heimat gelebt. Sie folgte den holländischen Spuren und zog nach Amsterdam. Dort wohnte ihre Cousine.

Man sieht wie jemand über einem Brenner Glasröhrchen zum Schmelzen bringt

Anne Marie Mormon bei der Arbeit Foto: Christian Mang

Damals und heute: „Ich mochte es in der Kolonialzeit nie, wenn die niederländische Königin zu uns kam und alle auf der Straße standen und sie begrüßten“, sagt sie. „Aber wenn ich es von heute aus betrachte, hat die niederländische Königin Surinam mehr geliebt, als es die jetzige Regierung tut, die die eigene Bevölkerung beraubt und terrorisiert.“ Als junges Mädchen konnte sie in Surinam allein durch die Stadt laufen, heute wäre das viel zu unsicher. „Aber ich denke trotzdem nicht, dass es für Surinam besser wäre, wenn das Land unter der Kolonialherrschaft geblieben wäre. Das ist Quatsch, von dem einige Menschen dort noch träumen.“

Berlin: In Amsterdam machte Mormon eine Lehre als Bankkauffrau, aber lange dort gehalten hat es sie nicht. Sie wollte weg, nach Berlin. Erst kam sie an den Wochenenden, dann immer mal wieder für länger, und schließlich ganz. „Ich weiß nicht mehr genau, seit wann ich in Berlin bin, aber das 25. Jubiläum habe ich schon gefeiert“, sagt sie. Sie lernte ihren Mann hier kennen. Die Atmosphäre in der Stadt inspirierte sie, ihre Begeisterung für Perlen zum Beruf zu machen. „Meine Oma und meine Mutter haben Perlen getragen, meine Cousine in Amsterdam hatte Körbe voll davon und ich auch.“ Ihr damaliger Mann habe ihr einmal zu Weihnachten einen Gutschein für einen Workshop über das Perlenmachen geschenkt. „Das war der Anfang.“

Polterabend: Plötzlich kommt ein junger Mann ins Zimmer, er ist Anfang 30, trägt einen dunkelblauen Anzug und einen ­weißen Hut. „Wow, du hast dich echt schick gemacht, mein Sohn“, sagt Mormon und schaut ihn bewundernd an. Er wolle zu einem Polterabend, erzählt er und fragt, ob seine Mutter Geschirr für ihn hat zum Zerschlagen, „es muss kein Muranoglas sein“.

Der Sohn: Guilleaume ist in Berlin geboren. Jetzt wohnt er in einer WG in Neukölln. Dort sei mehr Multikulti als im Bezirk, wo die Mutter wohnt. Im Geburtsland seiner Mutter war er zuletzt, als er sechs Jahre alt war. Er kenne Surinam nicht, „aber an Weihnachten fliegen wir dorthin“. Wie die Stars aus Surinam spielte er Fußball. Heute leitet er ein Start-up und die Jugendabteilung eines Fußballvereins. Er überlegt, ob er später in die Politik gehen soll. „Wenn, dann in die Kommunalpolitik, weil ich da kurzfristig Dinge verändern und schneller Einfluss nehmen kann und näher an den Leuten dran bin“, sagt er. Was ihn aber abschreckt: „Dass es wenige Politiker gibt, die in mir Gefühle wecken und mich von ihren Ideen überzeugen können.“ So einer will er nicht werden.

Schwarze Deutsche: Guil­leaume meidet die komischen Blicke der Menschen, wenn sie ihn fragen, woher er kommt. „Meine Mutter ist aus Surinam, mein Vater war Deutscher, und ich bin ein Schwarzer Deutscher“, sagt er. Für seine Mutter ist die Hautfarbe kein Thema. Vor allem ältere Menschen in Lichterfelde seien sehr freundlich zu ihr. „Da früher hier viele amerikanische Soldaten waren, sind Menschen mit dunkler Haut hier keine Exoten.“ Einmal aber wurde sie auf der Straße angegriffen, ein Mann habe sie gepackt, seine dabeistehenden Freunde amüsierten sich. „Ich konnte mich verteidigen und habe sie gewarnt, sie sollen in Zukunft großen Abstand halten von mir“, erzählt sie.

Ketten aus farbigen Glasperlen liegen auf einem Tisch

Ketten der Schmuckdesignerin Anne-Marie Mormon Foto: Christian Mang

Das Flüchtlingsheim: Als vor zwei Jahren das Flüchtlingsheim vor ihrer Haustür entstand, begegnete sie auf ihrem Heimweg häufiger besoffenen Männern. Seit das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk die Gemeinschaftsunterkunft übernommen hat, habe sich die Situation verändert. „Viele Menschen haben nun Beschäftigung, sie begrüßen mich höflich, Kinder gehen in die Schule und sprechen sehr gut Deutsch.“ Guilleaume hat dafür eine Erklärung: „Inte­gration findet erst statt, wenn die Menschen unter andere Menschen gehen und nicht isoliert bleiben“.

Koralle: Während Anne-Marie Mormon erzählt, spielt sie mit der Koralle, die um ihren Hals hängt. Das flammend orange Perlenunikat ist ihr Lieblingsschmuckstück. Es bekümmert sie, dass die Schönheit aus dem Meer in Gefahr ist. Mit ihrem Schmuck will Anne-Marie auf das dramatische Korallensterben aufmerksam machen.

Feuer und Liebe: Die rote Ixora-Blume, die Hindus irgendwann aus Indien nach Surinam brachten, ist die Nationalblume des Landes. Dort wird sie Faja lobi genannt – Feuer und Liebe. Die Blüten und Wurzeln dieser Blume werden als Heil­mittel ­genutzt. „Faja lobi“ heißt auch die Glasschmuckproduktion von Mormon. Ihre Perlen sollen, wie die Blume, die Menschen heilen und ihnen Glück und Liebe bringen.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de