Der Europa-Center wird 45: Grottenflair und Lotusblüte

Das Europa-Center wird 45. Einst exklusive Adresse, heute Ort für Ramsch zwischen Flüssiguhr und Zeitobelisk.

Moderne Kathedrale des Kapitals, das Europa-Center neben der Gedächtniskirche Bild: reuters

Für ein Frühstück bei Tiffanys muss man den Breitscheidplatz verlassen und das Erdgeschoss des Europa-Centers betreten. Weiße Kugellampen hängen von verspiegelten Decken, unter denen sich Klamottenläden und Geschenkboutiquen ducken. Erst bei Tiffanys wird es wieder hell: Unter einer mächtigen Glaskuppel führt ein Holzsteg über Wasser. Darauf lädt eine vierstöckige Restaurantpagode mit reichlich Grünpflanzen und Holz zu "Torte und Pott Kaffee". Ein "Französisches Frühstück" kostet bei Tiffanys 5,50 Euro, Milchkaffee geht extra. Gratis dazu gibt es den Blick auf Aluminiumblüten, die sich sanft im Wasser wiegen. Der von einem französischen Künstlerpaar ursprünglich für die Nationalgalerie entworfene "Lotusbrunnen" ziert das Terrassencafé seit 1982 als Dauerleihgabe.

Aus den Achtzigerjahren stammen auch die meisten anderen Attraktionen des Europa-Centers: die "Uhr der fließenden Zeit" mit ihren Kugeln voll neongrüner Zeitmessflüssigkeit im Erdgeschoss; der Lichtobelisk von Heinz Mack, der den Eingang Tauentzienstraße mit wechselnden Farbspielen beleuchtet; und der Wasserklops, der 1983 als "Weltkugelbrunnen" auf den umgestalteten Breitscheidplatz gesetzt wurde und seither die Treppe zum Untergeschoss des Einkaufszentrums ziert.

Fragt man Ahmet Tecimen, ist es seit den 80ern stetig bergab gegangen im Europa-Center. Der 76-Jährige betreibt seit 15 Jahren einen Schuhputzstand im Erdgeschoss, doch er kennt das Center, das einmal als exklusiv galt, seit seiner Ankunft in Berlin 1968. "Hier konnten Frauen früher kein Kleid unter 100 Euro kaufen", sagt er, "heute kriegen Sie für 100 Euro den halben Laden." Das Europa-Center, sagt Tecimen, gehe immer mehr vor die Hunde: Billiggeschäfte, Ketten, Teeniehorden, die sich in den Läden herumdrückten, aber nichts kauften. Der Schuhputzer bleibt, der Rentenaufbesserung und seinen Stammkunden zuliebe. In einer schwarzen Kladde bewahrt Ahmet Tecimen signierte Autogrammkarten von Prominenten auf, die schon auf seinem Schuhputzthron Platz genommen haben: Armin Rohde, Yvonne Catterfeld, der italienische Sänger Albano und viele andere, die seinen Service zu schätzen wissen. Das duftende Mandelöl und die vielen Schuhcremetiegelchen kauft Tecimen in der Türkei, im Keller des Europa-Centers hat er ein Materiallager. Manchmal trinkt er im Irish Pub im Untergeschoss "ein, zwei, drei Feierabendbier wie ein Deutscher", bevor er nach Marienfelde heimfährt.

Im dunklen Untergeschoss des Europa-Centers herrscht Grottenflair. In der Bierkneipe Bit-Stop quäken schon morgens die Spielautomaten, Irish Pub und Bavarium haben noch geschlossen. Hier unten befindet sich einer der traditionsreichsten Läden des Europa-Centers. An den Scheiben von "Waffen Wiedenhoff" drücken sich Schuljungen die Nasen platt. Die Kalaschnikow-Sturmgewehre und Beretta-Pistolen sind aber nur Schreckschusswaffen. "Wir haben nur sehr wenige echte Waffen", beruhigt Inhaberin Jutta Wiedenhoff. Seit der Verschärfung des Waffengesetzes habe auch die Nachfrage nach Selbstverteidigungswaffen nachgelassen. "Den Hauptumsatz machen wir heute mit Küchen- und Taschenmessern".

Dieter und Jutta Wiedenhoff zogen 1965 als Erstmieter in das Zentrum, das als exklusive Einkaufswelt nach dem Vorbild des New Yorker Rockefeller Center konzipiert war. Trotz eines hypermodernen Kinos und einer Eisbahn im Erdgeschoss hatte das Haus keinen guten Start, wie sich Wiedenhoff erinnert. "Den Berlinern blieb es fremd, und die Presse lästerte, weil es zu exklusiv war und zog." Durch den unüberdachten Innenhof pfiff der Wind vom Center-Hochhaus mit dem Mercedes-Stern bis ins Tiefgeschoss - und die Wiedenhoffs froren in ihrem Laden. Trotzdem sind sie geblieben - während von den ursprünglichen Nachbarn heute nur noch das Kabarett "Stachelschweine" übrig geblieben ist. Das Haus mache jetzt einen billigen Eindruck, sagt Jutta Wiedenhoff. Nur die großzügigen "Thermen am Europa-Center" möge sie noch. Die Wellnessinsel über den Dächern sei aus einer Brandschutzauflage heraus entstanden. "Einen Wassertank auf dem Parkhaus brauchte man sowieso, daraus entstand dann eine ganze Saunalandschaft. Clever, nicht?" Wiedenhoff winkt zum Abschied und geht zurück in ihr Geschäft, vor dem sich eine Touristengruppe ballt.

Draußen auf dem Breitscheidplatz hat sich ein Ring aus Zuschauern um eine Breakdancer-Gruppe gebildet. Die Musik schallt aus der Boombox, die Hosen sind weit, Schaulustige schlecken Mövenpick-Eis. Die 80er währen ewig am Europacenter.

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