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Den Wänden eine kleben

■ Mit Amateuer-Plakatklebern durchs nächtliche Berlin

„Nee, so geht das nicht!“ Zack, nimmt Kalle mir das Plakat wieder aus der Hand. Mein erster Plakatierversuch ist kleblich gescheitert. „Du mußt schon gerade kleben, sonst merken die Bullen sofort, daß wir keine Profis sind.“ Schmier, wisch, und noch mal drüber - Kalle und Matze kleben mir eines vor. Die beiden sind ein eingespieltes Team.

Der eine trägt mit einem großen selbstgebauten Schrubberpinsel großzügig Kleister auf, der andere ist für das Anpappen der Plakate zuständig. Kalle drückt auf jedes, inzwischen kleisterdurchweichtes Plakat noch ein Extra -Zettelchen auf: Wo und wann der Spaß stattfinden soll. Zack, wusch, schrubb - die Wand ist fertig. Ich reibe mir die Augen - vor Müdigkeit -, immerhin ist es drei Uhr nachts, und die beiden haben mich aus dem tiefsten Schlaf geklingelt. Außerdem kam ich mir selten so überflüssig vor wie auf dieser Klebetour.

„Diese Erfahrung haben wir auch schon gemacht“, klärt mich Kalle auf dem Weg zum Auto auf. „Wir sind mal zu fünft mit einem großen Bulli gefahren und haben ewig gebraucht. Zu zweit sind wir einfach schneller.“ Seit die beiden im Musikbusineß sind, sind sie drei bis vier Wochen vor jedem Konzert jeden dritten Abend unterwegs. Die Klebetour beginnt meist so um Mitternacht. Von der Potsdamer Straße geht's weiter zum Reichpietschufer. Die Wand glänzt feucht im Licht der Straßenlaterne. „Da waren wieder die Profikleber dran“, zischt Matze durch die Zähne. Kurz noch werden die frischen DIN-A0-Plakate bewundert, die einen neuen Hollywood-Schinken a la Rambo ankündigen, dann nichts wie drüber mit den eigenen. Da kennt Matze nichts, aber er hat auch seine Klebegrundsätze: „Politische Sachen werden nicht überklebt.“ Der Profi-Kleber macht das angeblich und ist deshalb bei den beiden untendurch. „Der überklebt auch die Teekampagne und so!“ heißt es entrüstet.

Der nächtliche Kampf um die Klebefläche ist hart. Ein paar Plakate von uns sind wenig später schon wieder überklebt. Heiß umkämpft ist zum Beispiel die Mauer neben der Kfz -Werkstatt vor den Yorckbrücken. Ab und an mischt sich anscheinend auch der Wandbesitzer in die klebrige Auseinandersetzung ein - bislang konnte er keinen längerfristigen Erfolg für sich verbuchen.

Auch die Polizei kann einen echten Kleber kaum stoppen. Mehrere Ermittlungsverfahren wegen „Sachbeschädigung durch wildes Plakatieren“, „Tatörtlichkeit Bewag-Verteilerkästen, Hauswände u.a.“ hat das Klebeduo bereits hinter sich. Heute abend jedoch ist uns das Glück hold, und wir kleben uns langsam durch bis nach Kreuzberg. „Die O-Straße ist so etwas wie der Kudamm der Kleber“, gerät Matze ins Schwärmen. Meist kleben sie nur in bestimmten Bezirken. „Einmal“, erinnert sich Kalle, „sind wir bis in den Wedding hoch. Aber es lohnt sich nicht.“

Um Viertel nach fünf sind wir am Kotti. Matze zögert noch, ob die türkischen Plakate auf der Treppe zum NKZ als schützenswert-politisch oder verdammenswert-faschistisch einzuschätzen sind. Zum Abschluß der Klebetour geht es noch schnell zum Männerpissoir am Heinrichplatz und dann zum „Madonna“ in der Wiener Straße. Die ersten Menschen finden sich an der Bushaltestelle ein. Ein neuer Tag beginnt. Die letzten Plakate werden mit besonderer Sorgfalt geklebt. „Find‘ ich juit, det“, torkelt ein Betrunkener vorbei. „Ihr arbeitet ja wenigstens.“

Frauke Langguth

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