: Demo unter massivem Polizeiaufgebot
Demonstration gegen Neonazi-Zentrum in Detmold verlief friedlich / 49 Neonazis und 36 DemonstrantInnen festgenommen / Großeinsatz der Polizei ■ Aus Detmold Bettina Markmeyer
Schon Stunden vor Beginn der Demonstration sah sich die Detmolder Polizei auf Erfolgskurs. Ab acht Uhr früh durchsuchten Beamte aufgrund eines Haftbefehls das Zentrum der verbotenen „Nationalistischen Front“ (NF) im westfälischen Detmold-Pivitsheide.
Eigentümer des Hauses ist der NF-Gründer und Nazi-Anführer Meinolf Schönborn, der seit dem NF-Verbot im Herbst 92 mithilfe diverser Nachfolgeorganisationen agiert. Neunundvierzig Personen im Schönborn-Haus seien überprüft und in Gewahrsam genommen worden, teilte ein Polizei- Sprecher mit. Den per Haftbefehl Gesuchten traf man zwar nicht an, fand dafür aber „konkrete Anhaltspunkte“, daß die Jung-Nazis die DemonstrationsteilnehmerInnen angreifen wollten.
„364 Tage im Jahr macht die Polizei nichts. Und heute haben sie plötzlich diesen Haftbefehl“, meinte dazu eine Pivitsheiderin, die den Umtrieben im Nazi-Haus seit Jahren zusehen muß.
Die Neonazis können sich in ihrem Zentrum und auf dem zugehörigen Waldgrundstück des ehemaligen Ausflugslokals frei bewegen. Und zu „privaten Feiern“ reisen auch nach dem NF-Verbot – wie zuletzt am 23. Oktober 1993 – ungeniert 200 Rechtsradikale an. Dieses Treffen hatte die örtliche Polizei erst nach hartnäckigem Protest der AnwohnerInnen aufgelöst.
Daß die von ostwestfälischen Antifa-Gruppen in und um Bielefeld organisierte Demo gegen das Nazi-Zentrum in Pivitsheide am Samstag nachmittag friedlich verlief, ist gleichwohl mehr der Disziplin der etwa 4.000 DemonstrantInnen als der Strategie der Polizei zu verdanken. Denn der Demonstrationszug vom Ortskern bis zum Schönborn-Haus in der Pivitsheider Quellenstraße glich eher einer Massenverhaftung als einer Versammlung zur freien Meinungsäußerung, wie ein Zuschauer spöttisch bemerkte.
Etwa 1.000 PolizistInnen aus ganz Nordrhein-Westfalen formierten sich zu einem Begleitkessel und eskortierten so den Demo- Zug zum Nazi-Zentrum und zurück. Bis vor das Haus kamen die DemonstrantInnen erst gar nicht. Die für dort angemeldete Kundgebung mußte unterwegs stattfinden, der Zug endete vor Polizeiabsperrungen in einer Sackgasse. RednerInnen prangerten vor allem an, daß Neonazis auch nach dem Verbot der NF und anderer Gruppen ihre Aktivitäten fast ungestört fortsetzen können.
Bundesweit hatten Antifa- Gruppen nach Pivitsheide mobilisiert, aber auch grüne Kreisverbände und diverse Frauen-, AusländerInnen- und Jugendinitiativen riefen zur Demo auf. Daß die „Pivitsheider Initiative gegen ein Nazi-Zentrum“ sich dem Aufruf nicht anschloß, lag nicht zuletzt an örtlichen Medien wie „Radio Lippe“, die die Demo im Vorfeld zum größten Autonomentreffen des Jahres aufzublasen versucht hatten.
Entsprechend wenig Einheimische wagten sich am Samstag auf die Straße, obwohl viele so dachten wie die Imbißverkäuferin, die den wartenden DemonstrantInnen Pommes rot-weiß verkaufte: „Richtig isses, daß ihr was macht.“ – Die DemonstrantInnen, die im Laufe des Vormittags mit Bussen und PKW im ostwestfälischen Pivitsheide eintrafen, waren bei Straßenkontrollen einzeln durchsucht worden. Und fast niemand gelangte zum Treffpunkt am Pivitsheider „Eichenkrug“, der sich nicht nochmals filzen ließ.
Am Abend präsentierte die Detmolder Polizei eine Axt, einen Baseballschläger, Reizgas, einige Brandsätze und Messer als beschlagnahmte Gegenstände. Gegen fast alle der 35 Festgenommenen wurden Anzeigen erstattet.
Nach Ende der Demonstration wurden auch die Neonazis wieder auf freien Fuß gesetzt. Im Hause Schönborn brannte bereits Licht. Meinolf Schönborn, der berüchtigte Rechtsradikalen-Anwalt Jürgen Rieger sowie eine Frau waren bei der Polizeiaktion am Morgen unbehelligt geblieben.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen