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DebatteWie gut, dass niemand weiß …

In Baden-Württemberg eine Regierung mit schwarzen Rumpelstilzchen zu bilden, ist ganz schön schwierig. Vor allem, wenn sie immer noch um das Feuer der „Schmutzkampagne“ tanzen.

Von Josef-Otto Freudenreich

Die Idee, ein Buch über den baden-württembergischen CDU-Landesvorsitzenden Manuel Hagel zu schreiben, ereilte den Autor dieser Zeilen in einem Anflug unbestimmter Neugierde. Ein junger Mann aus Oberschwaben schickte sich an, Ministerpräsident (MP) von Baden-Württemberg zu werden, war voller Zuversicht, dies auch zu schaffen, und hatte um sich Menschen versammelt, die diesen Optimismus teilten. Viele von ihnen kamen aus der Jungen Union, weshalb sie auch „Boy Group“ genannt wurden.

Das klang nach Aufbruch und führte direkt zu einer hochgestellten Person in der CDU, die eng mit Hagel zusammengearbeitet hat. Sie hat gelacht und gefragt, wie viele Seiten das Buch haben solle? Spätestens ab Seite 50 würde ihr nichts mehr einfallen. Das hat den Eifer gebremst.

Es blieb wundersam, wie es einem Filialleiter der Sparkasse Ehingen gelingen konnte, an die Spitze einer Partei zu klettern, die das Land 58 Jahre lang als Erbhof betrachtet hatte (und das immer noch tut), sehr zerstritten war, und von ihm, dem Brückenbauer, in einem Auto 2021 geeinigt wurde. Thomas Strobl und Susanne Eisenmann hatten sich einen Machtkampf um die MP-Kandidatur geliefert, erinnerte der „Staatsanzeiger“, Hagel habe beide auf die Rückbank eines Dienstwagens gepackt, und flugs habe Einvernehmen geherrscht. Strobl zog zurück. Seitdem gilt der 37-Jährige als Versöhner von Konservativen und Liberalen.

So schnell kann‘s gehen, insbesondere in der Politik, die von Etiketten lebt, des Unterschieds wegen. Andererseits können sie sehr flüchtig sein, wenn die Unterfütterung fehlt, was beim näheren Hinsehen jenen Menschen aufgefallen ist, die willens sind, sich der Wahrheitsfindung auszusetzen. Man musste nur nachfragen im Ehinger Gemeinderat, wie sie Manu, den Stimmenkönig der Beliebigkeit, wahrgenommen haben. Hubert Dangelmaier, Fraktionschef der Grünen, Spross einer Bauernfamilie, erzählt, er sei nie warm geworden mit Hagel, kein Kompass, keine belastbaren Werte, das Zugewandtsein nur gespielt, das Wissen oberflächlich.

Ämter, Zimmer und Dienstwagen waren verteilt

Ein anderer Grüner, der Führungskräfte berät, sagt, Hagel sei wie eine „leere Leinwand, auf die jeder seine Wünsche projizieren kann“, er spiegele wider, „was ihm nützlich erscheint“.

In Stuttgart hat es gedauert bis die Botschaft angekommen ist: Hier spricht ein Leichtgewicht, nach oben gespült mangels Alternative, aber ausgestattet mit ausgeprägtem Machtwillen, insofern auch ein Kind des politischen Systems. Egal: Die Wahl 2026 war gedanklich gewonnen, lange vor dem 8. März, Ämter, Zimmer und Dienstwagen waren verteilt. Umso brutaler das Erwachen, die Fassungslosigkeit über das Scheitern. Es musste auf die öffentliche Bühne. Den Job übernommen hat Bastian Atzger, der Vorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung im Land, mit einer Schärfe, die den ganzen Frust über Platz zwei zum Ausdruck bringt. „Fatale Inhaltslosigkeit“, „Führungsstärke lässt sich nicht simulieren“ – vernichtender geht es kaum. Und dass er zurückrudern musste, ist erst recht ein Beleg dafür, wie sehr die ausgesprochene Wahrheit den Kern trifft.

Hagel, raketenhaft aufgestiegen, wird das Scheitern nicht als solches erkennen. Schon gar nicht seine eigene Schuld daran. Wird das narzisstische Ego gekränkt, folgen Schuldzuweisungen, Aggressionen und Realitätsverweigerungen. Dann fährt der Feind eine „Schmutzkampagne“, deren Täter man selbst ist. Dann soll das MP-Amt geteilt werden, was in der Verfassung nicht vorgesehen ist, aber vom Stuttgarter OB Frank Nopper unterstützt wird, dann lieber Neuwahlen. Die großbürgerliche FAZ gerät in den Verdacht, zur Lügenpresse zu zählen, weil der Stuttgarter Berichterstatter Rüdiger Soldt so frei ist, Hagel zu kritisieren. Was ist los mit dem konservativen Blatt, das gehört doch zu uns, hört man den CDU-Landeschef fragen.

„Der Christ in mir sieht das Leid und die Not anderer und will helfen“, predigt Hagel in der rechtskatholischen „Tagespost“. Er und seine Partei stünden für eine „empathische Politik“, während andere Gräben ziehen.

Wechselnde Identitäten

Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es nicht so bigott wäre, die Ehinger Prägungen noch verstärken würde. Dort um die Ecke wohnt der ehemalige CDU-Landrat Wilfried Steuer, der sein eigenes Kreuz hat errichten lassen mit der Inschrift: „Gläubig aufwärts, mutig vorwärts, dankbar rückwärts“. Glucksend erzählt er Gästen, dem Bildhauer verboten zu haben, die vierte Zeile ins Holz zu schnitzen: „Heimlich seitwärts“.

Aus diesen Wurzeln wächst der Hagel‘sche Heimatfimmel, das Posieren vor Kapellen, das Aussortieren seines Rocker-Vaters, die Familienidylle, das Frauenbild. Mutter Franziska ist „der Chef“ im Haus, Kompass und Fundament und Kopfwäscherin, wenn der Machomann eingeräumt hat, im „Rehaugen“-Video „Mist“ gebaut zu haben. Einmal authentisch und schon brennt der Kittel.

Mit solchen Menschen ist schwierig zu verhandeln. Einmal sagt Hagel, es sei nicht wichtig, woher man kommt. Wichtig sei, wohin man wolle. Dann sagt er wieder, keine Identität ohne Wissen um die Herkunft. Was gilt? Im Zweifel ist das „Heimlich seitwärts“ einzuplanen, weil es auch dem Gegenüber unterstellt wird, also vertrautes Gelände ist. Für Hagel und Co. musste es eine „Schmutzkampagne“ sein, weil sie selbst Meister darin sind. Der Gedanke, dass eine junge Grüne aufrichtig empört sein kann über den Sexismus und das steinalte Frauenbild des Ehinger Christdemokraten, kommt ihnen nicht in den Sinn.

In dieser Gemengelage wäre es hilfreich, ein Mindestmaß an Vertrauen in den jeweils anderen zu entwickeln. Einfach mal davon ausgehen, dass er oder sie nicht nur Böses im Sinn hat, dass nicht nur der Dienstwagen zählt, sondern auch der Dienst fürs Volk. Noch schimpfen sie, die schwarzen Rumpelstilzchen, hüpfen auf einem Bein um das Feuer der „Schmutzkampagne“ und stoßen wilde Forderungen aus. Vielleicht sollte man ein Kinderbuch darüber schreiben.

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