Debatte Politiker-Machtsymbole: Der Dienstwagen

Je unmoralischer das System wird, dem sie dienen, desto mehr müssen Politiker vermeiden, priveligiert zu wirken.

Früher war der Dienstwagen ein Zeichen dafür, dass man es geschafft hatte. Jemand, der mit einem Dienstwagen fährt, gehört einem inneren Kreis der Macht an, bewegt sich die Macht repräsentierend und repräsentiert die Macht in Bewegung.

Der dazugehörige Chauffeur ist ein kleiner Schritt für die Beschäftigungspolitik, aber ein großer Schritt in der Subjektkarriere. Der Chauffeur macht den mächtigen Mann mächtiger. Frauen hatten früher eher selten einen Chauffeur mit einem Dienstwagen. Sie hatten stattdessen gern einmal eine Affäre mit dem Chauffeur des Dienstwagens ihres mächtigen Ehemannes. Der Chauffeur hieß übrigens in aller Regel Fritz. Wenn Fritz sich nur das Hackenschlagen abgewöhnen könnte! Fritz war nämlich während des Krieges, aber das gehört ja nicht hierher. Trotzdem: Es war schon in den Fünfziger- und Sechzigerjahren deutlich, dass Dienstwagen und Chauffeur Überträge sind von einer anderen, militärisch hierarchischen in eine zivile Gesellschaft.

lebt in Kaufbeuren. Er studierte Malerei, Kunstgeschichte und Semiologie in München, war Dozent an diversen Hochschulen und arbeitet als freier Autor für verschiedene deutsche Zeitungen. Zudem hat er rund 20 Filmbücher geschrieben.

Die öffentliche Verhandlung eines Dienstwagens bestand aus Respekt, Bewunderung und Klarheit. Niemand wäre noch vor, sagen wir 15 Jahren auf die Idee gekommen, den Spritverbrauch, die Kilometerzahl oder die Trennung von Dienst und Privatleben zu überprüfen. Der Dienstwagen war ein weithin sichtbares Zeichen des Einverständnisses zwischen Herrschaft und Volk, Kapital und Arbeit.

Werner Höfer, der internationale Fernseh-Frühschopper mit der braundeutschen Vergangenheit, erklärte damals dem staunenden Volk, dass er seinem Chauffeur die Anweisung gegeben habe, auf der Autobahn so schnell wie möglich zu fahren, damit, wenn "es" geschehe, "es" schnell und endgültig geschehe. Der Dienstwagen als eleganter Ausdruck des Todestriebes, das hatte doch was, und ganz nebenbei erklärte Höfer, dass ein echter Fritz natürlich ohne Zögern bereit war, sich auf der Todesfahrt seines Herrn mit zu opfern.

Das Zeichen des Dienstwagens funktionierte zugleich in drei Diskursen: im Diskurs des Automobils, im Diskurs der militärisch-bürokratischen Hierarchie und im Diskurs der kapitalistischen Akkumulation. Ein Entzug des Dienstwagens war die größtmögliche Katastrophe im Karriereleben eines Bürgers.

Die Abrüstung, Kontrolle und Reduktion des Dienstwagens, eine lange Geschichte fürwahr, wird manchenorts irrigerweise für einen Fortschritt demokratischer und ökologischer Vernunft gehalten. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Denn von einem offenen Zeichen des Einverständnisses zwischen Volk und Herrschaft in der Demokratie wurde es zu einem Geheiminstrument. Fritz lässige Söhne schlagen nicht mehr die Hacken, sondern tragen gerne teure Sonnenbrillen. Einen Dienstwagen erkennt man gar nicht mehr auf Anhieb, er hat die Farben der Saison. Irgendein "Rechnungshof" sendet ab und zu ein paar Korinthenkacker, um Fahrtenbücher zu kontrollieren. Dienstwagenaffären gehören zur neuen Dramaturgie des postdemokratischen Medienpopulismus. Zeitungen, die nichts dabei finden, wenn Manager sich die Taschen vollstopfen, rechnen an den Dienstwagen der Politiker herum. Vom Repräsentationszeichen der Konsensmacht ist der Dienstwagen zum Krisensymptom des gegenseitigen Misstrauens geworden. Es ist ein Symptom für die Abwertung der Politik und die Aufwertung der Ökonomie. Der Dienstwagen ist ein Skandal auf Rädern, kein Wunder, dass man ihn so sehr verbergen muss, dass dumme Diebe ihn klauen wie ein ganz normales Hochpreisauto.

Als die ersten grünen PolitikerInnen mit "Dienstfahrrädern" zur Arbeit im Namen des Volkes kamen, war das zuerst eine sympathische Geste und erwies sich doch schon wieder als Authentizitätsfalle: Mit dem Fahrrad kommt man eben nicht einmal in die äußeren der inneren Kreise der Macht, und so mussten die Grünen die Avantgarde jener werden, die mit Bauchschmerzen und Schuldgefühlen in ihren Dienstwagen stiegen. Allgemein drängte Volkstümlichkeit die Politiker dazu, in ihren Dienstwagen nicht mehr Distanz, sondern Verbundenheit auszudrücken. Und je unmoralischer das System wurde, dem sie dienten, desto moralischer mussten die Posen werden, in denen sie sich zeigten. Der gewöhnliche Dienstwagen konnte aus pragmatischen Gründen nicht gläsern werden (das blieb dem seltsamsten Dienstwagen der Welt, dem Papamobil vorbehalten), wohl aber sollte es sein Gebrauch werden. Denn schließlich durfte kein Politiker mehr in den Verdacht geraten, die Gelder, die er gerade den unteren Ständen raubte, um sie den Unternehmen zur Verfügung zu stellen, zu einem Teil auch für einen persönlichen Luxus zu verschwenden.

Semiotisch freilich ist die Sache keineswegs so eindeutig, wie sie bürokratisch-rechtlich scheint: Der reduzierte, undeutliche und kontrollierte Dienstwagen wird ein unklares Zeichen. Sein Verbergen, Rationalisieren und Moralisieren führt erst recht zu Misstrauen. Das verschwindende Dienstwagen-Symbol ist viel skandalöser als das offene, genauer gesagt: Es bietet sich förmlich an, um angestaute Spannung und Misstrauen abzubauen. Und so ist es kein Wunder, dass es derzeit die Schlange im Paradies des demokratisch-kapitalistisch-bürokratischen Konsenses ist. Frau Schmidt, ruft es über diesem Postparadies: Wo ist dein Dienstwagen? Und Ulla Schmidt antwortet, wie sie es so häufig tut, trotzig mit dem dümmsten Satz, der in ihrer Situation möglich ist: Der Dienstwagen, spricht sie zum Herrn, oder doch in die Volkskameras, "der steht mir zu". Und dann verheddert sie sich in mobilen Büros, Ferienerreichbarkeit, Touristenauftritten, Chauffeursgehalt.

Der erste Satz klingt nach der Arroganz der alten Macht, in der einem ja in der Tat dieser oder jener Dienstwagen "zustand", ja dieses Zustehen war Teil der Ästhetik und des ikonografischen Gesellschaftsvertrags im öffentlichen Gebrauch des Dienstwagens, der eben nicht nur den Dienst, sondern die gesamte politische Person betraf. Im Folgenden unterwirft man sich indes der absurdesten Korinthenkackerei. Danach kann man den Dienstwagen eigentlich ohnehin nur noch abschaffen. Zumindest semiotisch.

Oder eben klauen. In der deutschen Dienstwagen-Popgeschichte kann ich mich an keinen gestohlenen Dienstwagen erinnern, obwohl er sich durchaus zur Agentenjagd, zum Liebesnest und zur Verschwörerzentrale eignete. Und als Zeichen der Macht auch gerne beschossen, gesprengt oder wenigstens mit Tomaten beworfen wurde.

Dass jemand wegen ungeschickten Umgangs mit seinem Dienstwagen nicht mehr in ein Kompetenzteam darf, das glaubt ihr doch wohl selber nicht. Und symbolische Politik passiert auch nicht. Sie wird gemacht. So ist der Dienstwagen endlich vom behäbigen Konsenssymbol zu einer Luxuskatastrophe geworden. Zur Grundausstattung gehört ab jetzt der politische Schleudersitz.

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