Debatte Ölpreis: Spekulanten machen Öl teuer

Die Nachfrage in den Schwellenländern ist nicht genug gestiegen, um die Preisexplosion bei Weizen, Mais, Reis und Öl zu erklären. Preistreiber sind Banken und Hedge-Fonds.

Was treibt die Rohstoffpreise auf immer neue Rekordhöhen? Eine gängige Erklärung ist, dass sich eben die "Fundamentalfaktoren" verändert hätten - dass also die Nachfrage vor allem in den Schwellenländern schneller gewachsen sei als das Angebot. Doch tatsächlich können die "fundamentals" den jüngsten Preisboom nicht erklären. Fünf Beispiele:

Insgesamt sind die Preise für Erdöl, Mais, Weizen und Reis seit Anfang 2005 fast gleich stark gestiegen, nämlich auf das Dreifache, obwohl es sich um ganz unterschiedliche Rohstoffe handelt. Darüber hinaus war der Preisauftrieb seit Mitte 2007 am stärksten, obwohl sich die Weltkonjunktur abzukühlen begann.

Die Nachfrage nach Erdöl ist in den letzten Jahren merklich schwächer gewachsen als im längerfristigen Trend. So stieg der Weltverbrauch laut OECD zwischen 2005 und 2008 nur um 1,1 Prozent pro Jahr, während er zwischen 1994 und 2005 um 2 Prozent gewachsen war.

Auch der Erdölverbrauch in Ostasien kann die Preisexplosion nicht erklären. So nahmen die Netto-Importe Chinas seit 2005 pro Jahr nur im Ausmaß von 0,3 Prozent des Weltverbrauchs zu, da China seinen Bedarf zur Hälfte aus eigener Produktion deckt.

Die globale Produktion von Nahrungsmitteln ist in jedem Jahr seit 2005 gestiegen. Zwar dürfte die etwas stärker zunehmende Nachfrage - für Ernährung, aber auch für Ethanol - zum Preisauftrieb beigetragen haben, doch kann dies nicht das Ausmaß der Teuerung erklären.

Für 2008/2009 werden für alle wichtigen Nahrungsmittel Rekordernten prognostiziert. Doch dies führt nicht zu einem Preisabschlag bei den "Futures", also Terminkontrakten.

Daraus folgt: Nicht die "Fundamentalfaktoren", sondern Spekulationen auf den Terminmärkten sind die treibenden Kräfte des Rohstoffpreisanstiegs. Diese Vermutung wird durch die Daten der Bank für internationalen Zahlungsausgleich bestätigt. Noch nie ist der Handel mit Rohstoffderivaten so stark gestiegen wie seit 2005, die Transaktionen haben sich seither verdreifacht. Der Handel mit Öl-Futures hat sich seit Anfang 2006 verdoppelt; er ist mit 530 Millionen "paper barrels" pro Tag 6-mal so hoch wie die gesamte Weltproduktion von "echtem" Erdöl.

In der Theorie müssten steigende Rohstoffpreise eine Ausweitung des Angebots nach sich ziehen, was die Preise wieder sinken ließe. Warum funktioniert das nicht in der Praxis? Einige der wichtigsten Gründe in Kürze:

Die Erwartung (weiter) steigender Futures-Preise veranlasst Produzenten und Händler, das Angebot zu verknappen, um von der Aufwertung der Lagerbestände zu profitieren. Dies lässt wiederum die effektiven Preise steigen.

Echte Fundamentalfaktoren wie die Ethanolproduktion oder die Erschöpfbarkeit der Erdölreserven nähren den "bubble" zusätzlich; sie lassen die Rohstoffverteuerung als "Sachzwang" in einer Marktwirtschaft erscheinen.

Importabhängige Länder wollen sich eindecken oder am Futures-Markt absichern. Auch diese Hamsterkäufe treiben die Preise. Um die inländische Versorgung sicherzustellen, werden Exportbeschränkungen erlassen und dies gibt dem "bubble" neue Nahrung.

Sobald die Rohstoffpreise steigen, reagieren die Spekulanten auf Nachrichten, welche den Trend bestätigen, viel stärker als auf gegenteilige "news". So wurde kürzlich eine Studie ignoriert, die besagte, dass die Ölreserven des Irak viel höher seien als bisher geschätzt. Stattdessen lösen "Bauch-Prognosen" von Banken wie Morgan Stanley oder Goldman Sachs, dass der Ölpreis bis Anfang Juli auf 150 Dollar und danach weiter auf 200 Dollar steigen werde, exorbitante Kurssprünge aus. (Die Banken dürften sich vorher mit Futures eingedeckt haben. Wer etwa am Donnerstag vor zwei Wochen Öl-Futures kaufte, machte am nächsten Tag einen Gewinn von rund 130 Prozent.)

Auch die Absicherung künftiger Geschäfte verstärkt den Preisauftrieb für die Futures, weil dieses "hedging" asymmetrisch erfolgt. So sichern sich derzeit Ölexporteure kaum ab, da sie in Zukunft weitere Preissteigerungen erwarten. Dagegen müssen sich immer mehr Verbraucher - etwa Fluggesellschaften - absichern.

Solange die Lagerkosten viel niedriger sind als die erwarteten Preissteigerungen, geht vom physischen Markt kein Druck auf die Preise aus. Dies ist ein typisches Merkmal eines "asset market", auf dem der Gewinn durch Höherbewertung von Beständen (assets) gemacht wird und nicht durch Mehrproduktion (flows) wie auf einem Gütermarkt. Bei Letzterem wird die Produktion ausgeweitet, wenn der Preis steigt, und über das vermehrte Angebot dämpft die "unsichtbare Hand" die Verteuerung. Am Aktienmarkt führt hingegen ein (erwarteter) Kursanstieg nicht zu höherem Angebot, sondern zu steigender Nachfrage (Kaufempfehlung) und damit zu einer Verstärkung des Kursanstiegs.

Im Zeitalter des schnellen Geldes wandeln sich Rohstoffmärkte von Güter- zu hochspekulativen Vermögensmärkten. Diese "Zockermentalität" musste auch auf die Produkthändler übergreifen. Gedankenexperiment: Wenn alle Reishändler an weitere Preissteigerungen glauben, warum sollen sie dann zusätzlichen Reis anbieten? Um Gleichgewichtsökonomen eine Freude zu machen, dass ihre abstrakten Theorien doch stimmen? Natürlich nicht. Der Eigennutz gebietet es den Reisbauern, einfach auf steigende Preise zu warten.

Seit Mitte 2007 kompensieren die "Meister des Trading" wie Goldmann Sachs, die Deutsche Bank und viele tüchtige Hedge-Fonds mit dem Rohstoffpreisboom die Verluste aus der US-Hypothekenkrise. Aber auch immer mehr "Amateur-Trader" springen auf, wurden sie doch in den letzten Jahren durch ihre Banken dazu animiert, die Gewinnchancen der Rohstoffderivate kennenzulernen. Als Teil meiner "Feldforschung" nahm ich kürzlich an einem "Tradingkongress" eines Internetbrokers teil, der einer renommierten und großen Bank gehört. Als Thema war unter anderem angekündigt: "Rohstoffe - Unerschöpfliche Gewinnquellen?" Der Trainer versicherte, der Boom der Nahrungsmittelpreise stünde erst am Anfang, der Kauf von Weizen- oder Reis-Futures verspräche daher hohen Gewinn. Dass sich dadurch die Lage der halben Weltbevölkerung verschlechtert, die den Reis zum Essen braucht und nicht als Spekulationsobjekt, kam wohl weder ihm noch seinen Kunden in den Sinn.

Vor kurzem wurde in einer Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) die Wechselwirkung zwischen der Handelsdynamik auf den Finanzmärkten und den "manisch-depressiven" Schwankungen von Wechselkursen, Rohstoffpreisen und Aktienkursen untersucht. Schlussfolgerung: Eine geringfügige Besteuerung aller Finanztransaktionen - mit einem Steuersatz zwischen 0,01 und 0,1 Prozent - wäre eine sinnvolle Maßnahme zur Eindämmung kurzfristiger Derivatspekulation.

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