Debatte Krisenwahrnehmung: Zwischen Lethargie und Staunen

Das Warten darauf, dass sich die Bilder von Krisen in der Geschichte wiederholen, führt in die Irre. Geschichte wiederholt sich nicht, sie ist offen.

lebt in Berlin. 2007 erschien sein viel beachteter Roman "Teil der Lösung" (Ammann Verlag). Einem breiteren Publikum wurde er mit "Alle oder keiner" (1999) bekannt. Mit Christoph Hochhäusler arbeitet er an einem Filmprojekt zur internationalen Finanzwelt: "Unter dir die Stadt".

Von außen lässt sich die Krise nicht greifen, noch immer nicht. Oder ist sie schon wieder vorbei, bevor sie richtig angefangen hat?

So steht dieser Tage im Guardian, dass die Hypothekennachfrage in Großbritannien im letzten Jahr zwar um 60 Prozent gesunken sei, Vertreter der Immobilienbranche aber bereits von einer leichten Erholung sprechen. Gleiches lässt sich überall beobachten, ob man nun in Deutschland in die Zeitungen schaut oder in der New York Times liest, dass sich trotz der absehbaren Pleite von General Motors am Horizont des Desasters Hoffnungsstreifen einer wirtschaftlichen Erholung abzeichnen. Zweckoptimismus von Interessenvertretern, die um die Reste ihrer Reputation fürchten? Beschwichtigungsversuche von Politikern, die glauben, ein schwerwiegendes Problem kleinzureden würde es zum Verschwinden bringen? Oder stimmt etwas an der Haltung nicht, die ich als bisher Unbeteiligter zu den Schreckensmeldungen einnehme?

Zum Beispiel damit, Reaktionen zu erwarten, die unter den gegebenen Umständen nicht mehr ohne Weiteres zu erwarten sind oder nur noch als Travestie altbekannter, in den westlichen Industrienationen vermeintlich überflüssig oder inadäquat gewordener Protestformen. Wie im Fall Schaeffler. Käme es angesichts der katastrophalen Geschäftspraktiken der Firmenleitung hier zu einer Betriebsbesetzung durch die Belegschaft, würde mich das nicht wundern. Viel eher wundert mich, dass eine solche Aktion offenbar noch nicht einmal entfernt in Betracht gezogen wird. Sondern dass man wie anderswo, wie bei Opel, darauf setzt, durch Staatsbürgschaften vor dem Schlimmsten bewahrt zu bleiben. Sofern man sich halbwegs ruhig verhält und mit dem gerechtfertigten Widerstand gegen eine gescheiterte Unternehmenspolitik die symbolische Ebene nicht verlässt. Oder ist das bloß eine Frage der Zeit, sind das alles Unterstellungen eines prekären Mittelschichtlers, dessen Einfühlungsvermögen durch den überreichlichen Konsum der falschen Medien getrübt ist?

Mir jedenfalls scheint es so, als würden viele Mitbürger (und nicht nur aus der eigenen Klasse) die Zahlen zu Export- und Absatzeinbrüchen, zu prognostizierter Arbeitslosigkeit und auf längere Zeit stagnierender Wirtschaft nicht wirklich ernst nehmen, als handele es sich um abstrakte Drohungen, die erst einmal Realität werden müssen; und dass, solange sie nicht ganz Realität sind, alles als unangemessener Alarmismus zu bewerten ist. Selbst wenn man auf die Lage in Ländern wie Irland und Island verweist, wo eine bunte Koalition von Kreditopfern nach einer Dauerbelagerung des Parlaments Neuwahlen erzwungen hat, selbst dann gilt dieser Hinweis als unangemessener Alarmismus.

Wegen ein paar besorgniserregender ökonomischer Basisdaten nicht in Panikstimmung zu verfallen mag von staatsbürgerlicher Reife oder von großer Gelassenheit zeugen, man könnte genauso gut aber auch von Lethargie sprechen. Vielleicht bin ich der Einzige, dem die Reden der DGB-Spitze am 1. Mai völlig wirklichkeitsfern, wenn nicht somnambul vorkamen. Als Vertreter irgendeines Arbeitgeberverbandes würde ich mir jetzt jedenfalls keine Sorgen mehr machen, von dieser Seite mit Ansprüchen belästigt zu werden, die man nicht genauso gut selber formulieren könnte.

Woran liegt das? An der von praktisch allen Akteuren unterstellten Alternativlosigkeit einer Wirtschaftsordnung mit quasi unveränderlichen Eigentumsverhältnissen und regelmäßig wiederkehrenden, mal mehr, mal weniger großen Zumutungen für die da unten und in der Mitte? Daran, dass wir es plötzlich mit Vorgängen zu tun haben, für es noch keinen rechten Vergleich gibt? Oder fehlen uns einfach nur die Bilder, die der Krise emblematischen Ausdruck verleihen würden? Wie die aus den Dreißigerjahren, von Schlangen von Erwerbslosen, die Schilder um den Hals tragen, auf denen "Nehme jede Arbeit an" steht. Familien in Suppenküchen. Bilder von Streiks und Massenaufmärschen, wie wir sie als Illustrationsmaterial aus Schulgeschichtsbüchern kennen.

Möglicherweise verbirgt sich an dieser Stelle mein Problem. Denn dass die Wahrnehmung der politischen Gegenwart sich an Vorlagen aus der Vergangenheit orientiert, ist zwar verständlich, führt aber oft in die Irre. Führt dazu, auf Muster zurückzugreifen, die eine Theorie bestätigen oder entkräften sollen, statt sich der Offenheit eines Prozesses auszusetzen. So legitim es ist, Parallelen zu suchen und Gesetzmäßigkeiten nachzuspüren, so kontraproduktiv in jeder Beziehung kann es sein, genau darauf zu warten, auf eine Art von Wiedererkennbarkeit, die bestätigen würde, was man sowieso schon gewusst oder geahnt hat. An Kausalitäten zu glauben, die Ereignisse gleichsam erzwingen müssten, um sich dann ernüchtert oder desillusioniert zu zeigen, wenn sie nicht eintreten.

Das sollte keinesfalls mit einem Plädoyer für Passivität verwechselt werden. Also dafür, den Begriff der Offenheit so zu verstehen, dass man sich zu gedulden hätte, welche Wendung die Dinge von allein nehmen. Oder es dem DGB-Vorsitzenden durchgehen zu lassen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit die weltwirtschaftlichen Verwerfungen mit dem Ressentiment von der Gier der Manager erklären zu wollen. Offenheit, und das ist durchaus an mich selbst gerichtet, müsste vielmehr bedeuten, dem Hang zur Prophetie und zu Determinismen nicht nachzugeben, ohne sich in den Strudeln einer Position zu verlieren, deren Unvoreingenommenheit nur eine behauptete sein kann. Sich nichts zu erhoffen und nichts zu beschwören ist vielleicht in der momentanen Situation nicht das schlechteste Programm. Woran man sich im Rückblick auf diese Zeit erinnern wird, hängt wie stets von der Praxis ab, und die darf nicht nach halb verblichenen Karten aus anderen Epochen reinszeniert werden. Wenn die Gefahr im Augenblick auch nicht groß ist, den Mummenschanz der Siebzigerjahre noch einmal zu erleben, wäre das etwas, was ich mir dringend wünschen würde. Die Flucht nach vorn anzutreten heißt eben nicht, die Geschichte vergessen oder keine Lehren aus ihr gezogen zu haben.

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