Dath schreibt, Goetz schweigt: Warten auf Rainald Goetz
Die Literaturredakteure blicken mit Spannung auf die Vorvorschauen der Verlage. Dietmar Dath hat schon wieder einen neuen Roman geschrieben, Goetz wieder keinen.
Das soll jetzt nicht doof klingen oder so: Aber während sich draußen in den Buchhandlungen noch das literarische Frühjahrsprogramm stapelt, ist man drinnen, in den Literaturredaktionen, schon einen Schritt weiter. Hier sind längst die sogenannten Vorvorschauen der Verlage eingetrudelt - da steht erstmals einigermaßen verbindlich drin, was im nächsten Herbst in der Literatur los sein wird; jedenfalls jenseits von den Verkaufsschlachten um Charlotte Roche, die ja sicher noch auf Jahre anhalten.
Klar: Solche Vorschauen sind heiße Lektüre für jeden Literaturredakteur! So studiert man also mit gierigem Blick diese oft noch hastig zusammengehefteten Zettel, nimmt befriedigt zur Kenntnis, dass der neue Sven-Regener-Roman kommen wird, findet es aber auch schade, dass der große Denis Johnson verschoben wird - und erarbeitet sich so sein bisschen Erkenntnisvorsprung vor dem Leser in diesem, so siehts aus!, Rattenrennen, das Literaturkritik heißt.
So weit, so gut. Für Leser und Fans des Schriftstellers Rainald Goetz halten diese Vorvorschauen aber noch einen zusätzlichen Reiz bereit: neulich noch eine Erwartungsvorlust, mittlerweile aber eher eine Enttäuschungserprobung. Schließlich ist "Abfall für alle", das letzte große Ding, fast zehn Jahre her. Da könnte also mal wieder was kommen! Von Insidern wird ja auch gern erzählt, dass Goetz längst an einem ganz großen politischen Roman sitzt - mittlerweile stellt man sich da die umfassende Verschriftlichung unseres gesamten politisches Systems vor, mindestens. Aber nee, kommt wohl wieder nicht. In der "Vorschau auf die Vorschau auf den Herbst 2008" des Suhrkamp Verlags findet sich wieder kein Rainald Goetz.
Dafür kommt ein neuer Dietmar Dath. "Die Abschaffung der Arten", 600 Seiten. Und plötzlich hat man ein Déjà-vu. Kein neues Buch von Rainald Goetz, aber ein neues Buch von Dietmar Dath - das war doch schon in diesem Frühjahr so! Tatsächlich. Goetz: nichts, Dath: "Maschinenwinter". Und 2007? Goetz: nichts, Dath: "Waffenwetter". Und 2006? Goetz: nichts, Dath: "Dirac". Und 2005? Goetz: nichts, Dath: "Die salzweißen Augen". Gefühlt geht das jetzt seit Ewigkeiten so.
Was also ist los mit Goetz, könnte man fragen. Nicht dass man sich noch mal an die Geschichte des bislang berühmtesten Nichtschreibers des Suhrkamp Verlags, Wolfgang Koeppen, erinnern muss! Und was ist mit der Komplementärfigur Dath? Schläft der auch, isst der auch? Oder schreibt der nur? Noch sind die Literaturgeschichten der Nullerjahre ja nicht geschrieben. Dem Couple Goetz/Dath sollte man unbedingt viel Raum in ihnen einräumen. Von Rainald Goetz kam immer nichts, von Dietmar Dath kam immer was. Bislang kann man die literarische Entwicklung dieses bunten Jahrzehnts so ganz gut zusammenfassen.
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Koalitionsverhandlungen
Der SPD scheint zu dämmern: Sie ist auf Merz reingefallen
Parkinson durch Pestizide
Bauernverband gegen mehr Hilfe für erkrankte Bauern
Iranische Aktivistin über Asyl
„Das Bamf interessiert wirklich nur, ob du stirbst“
Anlegen nach dem Crash
Ruhe bewahren oder umschichten
Strafe wegen Anti-AfD-Symbolik
Schule muss Tadel wegen Anti-AfD-Kritzeleien löschen
Von Frankreich lernen
Wie man Rechtsextreme stoppt