Das Team dieser EM – Dänemark: „Die Jungs sind Krieger“

Erst Drama, dann Dynamik: Dänemark schöpft Kraft nach einer emotionalen Fahrt durch die Extreme. Das 4:0 gegen Wales macht Lust auf mehr.

Doppeltorschütze Dolberg schaut auf zum, nun ja, Fußballgott.

Im Kreise Gleichgesinnter: Doppeltorschütze Dolberg schaut auf zum, nun ja, Fußballgott Foto: Reuters/Olaf Kraag

Ein Epos von globaler Bedeutung wird diese dänische EM selbst im Falle eines Titelgewinns nicht werden, ganz so groß sind der Fußball und dieses Kontinentalturnier dann doch nicht. Das hielt den dänischen Trainer Kasper Hjulmand jedoch nicht davon ab, ein paar sprachliche Anleihen aus der großen Star-Wars-Saga vorzunehmen, die fast überall in der Welt Teil der Alltagskultur geworden ist.

„Er ist mit uns“, sagte Hjulmand nach dem 4:0-Sieg gegen Wales im Achtelfinale und meinte nicht „die Macht“, die die Jedi-Ritter auf ihren Abenteuern im Weltraum begleitet, sondern Christian Eriksen, der im ersten Spiel einen Herzstillstand erlitten hatte und zu sterben drohte. „Die Jungs sind Krieger“, fuhr der Trainer fort, nachdem endgültig klar war, dass die sehr speziellen Erlebnisse der vergangenen Wochen zu einer ergiebigen Energiequelle geworden sind. „Unsere Stärke ist die Gemeinschaft“, sagte Kapitän Simon Kjaer.

Tatsächlich werden sportliche Fachthemen bei den Dänen derzeit eher am Rande diskutiert, für diese Mannschaft geht es um Emotionen, um Zwischenmenschliches, um die größeren Zusammenhänge des Lebens. Schon der Spielort Amsterdam, den der Turnierplan für das erste K.o.-Runden-Spiel der Dänen bei einer EM seit ihrem Turniersieg 1992 vorgesehen hatte, habe ihm Energie gegeben, berichtete Hjulmand. Johan Cruyff, nach dem die Arena in der niederländischen Hauptstadt benannt ist, sei eine seiner „größten Inspirationsquellen“, und der Gedanke, „dass Christian hier sein erstes Spiel gespielt hat, nachdem er Dänemark verlassen hat“, habe ihn sehr beschäftigt, erklärte der Trainer.

Der Star, der sich nach seinem Kollaps derzeit in Odense erholt und die Spiele seines Teams am Fernseher verfolgt, spielte als Teenager erst in der U19 von Ajax und später bei den Profis, bevor er zu Tottenham Hotspur wechselte.

„Wie ein Heimspiel“

Wegen dieser Verbindung und weil eh der ganze Kontinent mit den Dänen mitfühlt, waren nicht nur die vielen Dänen, sondern auch die meisten Holländer unter den 16.000 Menschen im Stadion Fans der Skandinavier, die auch sportlich zu einem der interessantesten Teams werden. Kasper Dolberg, der zu Beginn des Turniers keine Rolle spielte, nun aber den am Oberschenkel verletzten Leipziger Yussuf Poulsen vertrat, schoss die ersten beiden Tore und erklärte: „Es fühlte sich an wie ein Heimspiel, fantastisch.“ Die Atmosphäre war noch dichter als während der Partien, die die Holländer hier austrugen. Besucher aus Wales hatten aufgrund der in Großbritannien verbreiteten Delta-Variante des Coronavirus keine Erlaubnis zur Einreise in die Niederlande erhalten.

Aber nicht nur deshalb fühlte sich Dolberg wohl. Wie Eriksen spielte der Stürmer von OGC Nizza einst in diesem Stadion für Ajax, und wie die anderen Dänen schwärmte er von diesem ganz besonderen Geist, der im dänischen Lager auf der Fahrt durch die emotionalen Extreme entstanden ist. „Es ist einfach leicht, in dieses Team zu kommen, das sind coole Jungs. Es ist eine Ehre, Teil dieser Mannschaft zu sein.“

Tatsächlich findet hier gerade eine märchenhafte Geschichte statt, die einem Hollywood-Drehbuch entsprungen sein könnte. Die Rettung Eriksens ist nur ein Teil dieses abenteuerlichen Turnierverlaufs, bemerkenswert ist auch die Auferstehung einer Mannschaft, die am Boden zu liegen schien. Der Schock, die beiden Auftaktniederlagen und der Verlust des wohl besten Spielers hätten das Team lähmen können, nun sagte Huljmand nach dem Achtelfinalerfolg: „Als Christan zusammenbrach, habe ich gespürt, dass sich alles ändert. Wir brauchten die Liebe und die Unterstützung. Das hat uns Flügel verliehen.“

Wobei die Dänen spielerisch nicht immer auf dem höchsten Niveau agierten, Eriksen fehlt der Mannschaft nicht nur als Freund und Mensch. Zwischenzeitlich mussten sie sich mit langen Schlägen aus der eigenen Hälfte befreien. Entschieden war das Spiel erst, als Maehle in der 88. Minute das dritte Tor schoss, dem in der Nachspielzeit ein weiteres Tor durch Braithwaite folgte. Wales war zwar ein eher schwacher Gegner in dieser Partie, aber Dänemark ist im Augenblick erfüllt von den Energien eines ganz besonderen Sommers.

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