Das Schlagloch: Der Feind hat mein Herz

Mittelalterliche Erkenntnis: Erst der Kampf gegen das Fremde formt die eigene Identität.

Ein Ritter treibt sein Pferd in einen Wald hinein, der so gewaltig und düster ist, dass der Ritter aufatmet, als er eine sonnige Lichtung erreicht. Dort stößt er auf einen Fremdling, einen Heiden, der mit den wunderbarsten Kostbarkeiten behangen ist. Alle Reichtümer des Königs zu England hätten nicht einmal den Waffenrock dieses Fremden aufgewogen - so schreibt der Dichter und lässt bald darauf die beiden Helden in der Lichtung aufeinanderprallen: "Beider Augen blitzten, als sie einander sahen, doch wenn jetzt ihre Herzen höher schlugen, so war die Trauer auch nicht weit. Jeder der treuen, aufrechten Männer trug nämlich das Herz des andern in der Brust; sie standen einander nahe, auch wenn sie sich beide fremd waren. Nur dadurch, dass sie einander feindlich gegenübertreten, kann ich den Heiden vom Christen unterscheiden. Möge ein gütiges Geschick den Kampf enden und dem Tod wehren."

Der Kampf währt lange, und er endet mit der edlen Geste des Heiden, der sein Schwert senkt, als die Klinge des Ritters birst. Sie setzen sich auf den Rasen und geraten in ein höfliches Gespräch. Es stellt sich heraus, dass die Männer Halbbrüder sind, denn des Ritters Vater verbrachte viele Jahre im Orient, wo er mit einer Einheimischen einen Sohn zeugte, einen Erben namens Feirefiz. Und dieser verschollene Sohn, so lautet die Mär, soll aussehen wie beschriebenes Pergament, schwarz und weiß gefleckt. Daran erkennt der Ritter seinen unbekannten Bruder, nachdem beide ihre Helme und Kettenhauben heruntergerissen haben. Der Ritter heißt Parzival und der Dichter, der diese Szene vor knapp tausend Jahren ersonnen hat, ist der große Epiker mittelhochdeutscher Sprache Wolfram von Eschenbach.

Wolfram von Eschenbach schrieb diesen Versroman Anfang des 12. Jahrhunderts, als schon vier Kreuzzüge erfolgt waren. Diese hatten nicht nur die gesellschaftliche sowie die mythische Stellung des Ritters gefestigt, sondern - in einer Umkehrung der kriegerischen Ideologie der Zeit - auch den Fremden (den Sarazenen) dem gebildeten Christen näher gebracht. Die Dichter an den Höfen Westeuropas erkannten in den Kämpfern Saladins seelenverwandte Ehrenmänner, die ihre Vorstellung von Ritterlichkeit und empfindsamer, unerreichbarer Liebe teilten, trotz der brutalen und scheinbar endlosen Kämpfe um Jerusalem oder Tyrus.

Besonders fasziniert von den Gemeinsamkeiten waren die Tempelritter, die sich der arabischen Welt so sehr aussetzten, dass sie ein Jahrhundert später Opfer der aggressiven Verengung des christlich-europäischen Denkens wurden und zwischen 1307 und 1314 in Schauprozessen systematisch vernichtet wurden, unter anderem wegen ihrer vermeintlichen Komplizenschaft mit dem Islam. Es wurde ihnen beispielsweise unterstellt, sie würden einen Götzen namens "Baffomet" verehren, im Provenzalischen eine der Verballhornung des Propheten Mohammed. Wolfram von Eschenbach nennt die Gralsritter in seinem Roman daher Templar oder Templeisen, ein eindeutiger Bezug auf diese spirituell-kriegerische Bewegung.

Doch die beschriebene Szene weist, wie alle große Literatur, weit über den historischen Kontext der Figuren und des Autors hinaus. Jeder der treuen, aufrechten Männer trug nämlich das Herz des andern in der Brust; sie standen einander nahe, auch wenn sie sich beide fremd waren, sagt der Dichter und löst damit mit leichter Hand den essentiellen Gehalt von Fremde auf.

Fremde kann den Umständen, Zufällen, Vorurteilen geschuldet sein, doch sie wurzelt nicht per se in einer ontologischen Differenz und darf daher nicht als unüberwindbar gelten. Gewiss, die beiden Ritter kämpfen gegeneinander, um ihr Leben gar, doch kaum haben sie die Waffen gestreckt, erkennen sie Gemeinsamkeiten, die jeden Konflikt überragen. Mit dem nächsten Satz geht Eschenbach einen entscheidenden Schritt weiter: Nur dadurch, dass sie einander feindlich gegenübertreten, kann ich den Heiden vom Christen unterscheiden. So wichtig ist ihm diese Aussage, dass der Dichter das Wort unmittelbar an den Leser richtet; er hebt die Fiktion der Handlung auf, um etwas kundzutun, dass zu allen Zeiten und in allen Ländern provokant klingen muss: Das Eigene und das Fremde lassen sich nur dann klar unterscheiden, wenn sie einander bekämpfen. Konflikt schärft Differenz, Identität ist die Frucht von Feindschaft. Mit anderen Worten, die antagonistische Haltung, basierend in diesem prototypischen Fall auf einer automatischen, dogmatischen Ablehnung des Heiden, des kanonischen Abweichlers, konstituiert den entscheidenden Unterschied. Denn dieser Fremde ist nicht nur wie beschriebenes Pergament, ein Hinweis auf die damals überlegene Bildung der Menschen des Orients, sondern auch schwarz und weiß gefleckt, was als Bild verstört und als Gleichnis überzeugt. Er ist ein Gemischter, und offensichtlich, seinem hehren Auftreten nach zu urteilen, hat er von beiden Welten das jeweils Beste angenommen und verinnerlicht.

Mit einigen wenigen Sätzen hat Wolfram von Eschenbach, so scheint es mir, ein faszinierendes Ideal des Kulturbegegnung formuliert, getragen von der Erkenntnis, dass das Trennende nur eine momentane Differenz ist, eine Flüchtigkeit der Geschichte. Anders gesagt: Das Gemeinsame lauert in jeder Lichtung. Folgerichtig repräsentieren unsere Kanons keineswegs kulturelle Systeme, die sich in einem reinen Zustand beim kulturellen Kampf gegen andere Konzepte und Formen durchgesetzt haben, sondern sie sind - auch schwarz und weiß gefleckt - Resultat von Vermischungen und Vereinnahmungen.

Zwar neigen Zivilisationen dazu, das vermeintlich überwundene Konträre als häretisch zu verunglimpfen, aber es hinterlässt Spuren im Denken und Gestalten des vermeintlichen Siegers. Das Andere wird selten mit offenen Armen aufgenommen, kultureller Wandel entsteht sowohl aus friedlichen Begegnungen wie auch durch gewaltsame Umbrüche. Zeiten des regen kulturellen Austauschs waren nicht unbedingt geprägt von Heiterkeit und gegenseitigem Verständnis - die Tempelritter kämpften bei Tage und führten bei Nacht Dispute mit ihren Gegnern.

Oder man nehme, wem das mittelalterliche Beispiel zu weit entlegen erscheint, die Musik der afrikanischen Sklaven in Nordamerika. Von den Plantagen und Ghettos aus hat diese Musik die weiße Hochkultur subversiv erobert. Entstanden aus Sklaverei und Apartheid, entwickelten sich die Töne und die Rhythmen der Unterdrückten und Minderwertigen zum wichtigsten kulturellen Beitrag Nordamerikas und ironischerweise auch zu einem bedeutenden Handelsgut. Außen weiß, innen schwarz, sagt man über bestimmte Sängerinnen, die den Blues in sich tragen, und dieses Bild variiert jenes von Wolfram von Eschenbach.

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