: Das Dorf der Verrückten
■ In Moordorf in Ostfriesland bestimmen Vorurteile die Geschichte
Moordorf, das Dorf der „Zigeuner“? Moordorf, das Dorf der entlassenen Sträflinge? Moordorf, das Dorf der Messerstecher, Kriminellen, Alkoholiker und Sonderschüler?
Wenn das Gespräch auf das 5.000-Seelen-Dorf Moordorf in Ostfriesland bei Aurich fällt, gibt es wohl kein Vorurteil, was hier nicht schon gefällt worden ist. Dabei liegen, daß zeigt jetzt eine Arbeit des Oldenburger Politologen Andreas Wojak, „Dichtung und Wahrheit“ so weit auseinander, daß sich ein Blick auf die Geschichte des Dorfes schon wieder lohnt.
Die Moorkolonie Moordorf entstand in der Mitte des letzten Jahrhunderts, zur Hochblüte der Torfstecherei. Die Siedlungsbedingungen im Moorgebiet prägten früh das Erscheiningsbild: Armut, Bettelei, Hausiererei, Kinderreichtum, Lehmhütten. Das Dorf mit seinem sozialen Gemisch kam schnell in Ruf und Verruf, eine bedrohliche Gesellschaft zu beherbergen.
In den zwanziger Jahren ist Moordorf stramm kommunistisch. Bis zu 60 Prozent wählen hier die KPD in den Reichstag. Typisch für das Dorf: Bei den Kommunalwahlen regieren die persönlichen Beziehungen im Dorf vor Parteiinteressen. Als die Nazis ab 1933 Jagd auf den Kommunismus machen, ist Moordorf eines der Hauptziele der Region. Außerdem machen die Nazis hier eine „erbbiologische Bestandsaufnahme“: 70 Prozent der Bewohner wurden in der 1940 veröffentlichten Untersuchung, die im Auftrag des damaligen „Reichsbauernführers“ durchgeführt wurde, für „minderwertig“ erklärt.
Die „Untersuchung“ sollte Folgen haben. Aufgrund von Akten, die teilweise noch auf diversen Dachböden lagerten, recherchierte Wojak, daß das „Problem“, das die Nazis in Moordorf „analysiert“ haben wollten, auf typische Weise gelöst werden sollte: Durch „Umsiedlung“ und Zwangssterilisation. Die Umsetzung dieses Planes scheiterte aber an den gegensätzlichen Interessen von Nazi-Behörden im Krieg.
Wojak hat ein lebendiges Bild des Dorfes zwischen 1918 und 1950 gemalt. Im Mittelpunkt stehen die Zeitzeugen, darunter auch Opfer der Zwangssterilisation. Das die Arbeit als Promotionsschrift im Fachbereich Sozialwissenschaftten der Carl von Ossietzky-Universität in Oldenburg angenommen worden ist, merkt man ihr (im positiven Sinne) nicht an. taz
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