Dank Internet: Die Auferstehung der Musikindustrie

Das Label Universal sieht nun ein Licht am Ende des Tunnels: Offenbar können die jahrelang als Kleinvieh schlecht geredeten Downloads die Branche doch retten.

Universal bastelt an neuen Vertriebsmodellen. Bild: dpa

Es steht nicht gut um die Musikindustrie. Seit Jahren gehen die Umsätze zweistellig zurück, immer weniger CDs lassen sich absetzen. Labels fusionieren oder geben gar ganz auf, erste Stars erwägen, ihre Musik auf eigene Faust zu verkaufen oder hauptsächlich nur vom Tourneegeschäft zu leben. Musikfans, die sich illegal aus dem Internet bedienen, werden scharf verfolgt - gestoppt hat dies die Online-Piraterie keineswegs, das Image der Industrie dafür angekratzt.

Der legale Vertrieb von Songs und Alben über das Internet bei Download-Läden wie iTunes, Musicload oder Amazon MP3 gilt der Branche dagegen bislang eher als Kleinvieh: Die dortigen Umsätze seien nicht dazu geeignet, die Einbrüche beim traditionellen Handel mit den Silberscheiben auszugleichen, heißt es immer wieder. Zuletzt erwogen einige Plattenfirmen sogar, ihre Titel einfach zu verschenken und stattdessen mit Online-Werbung ihr Geld zu verdienen, die parallel zum Download eingeblendet wird. In China gilt das gar als einzige Möglichkeit, online mit Musik nennenswerte Umsätze zu generieren.

Doch steht es wirklich so schlecht um die Plattenindustrie im Zeitalter des Internet? Jean Bernard Levy, Chef des französisch-amerikanischen Unterhaltungskonzerns Vivendi, zu dem auch das Top 4-Majorlabel Universal Music gehört, schlug gegenüber der "Financial Times" in dieser Woche ganz andere Töne an. "Ich denke wirklich, dass die Musikindustrie an einem Wendepunkt angelangt ist. Vor zwei Jahren hätte ich das noch nicht gemeint", sagte er dem Wirtschaftsblatt. Um den Optimismus zu verstehen, muss man nur auf die Halbjahreszahlen schauen, die Universal Music im Juli vorgelegt hatte. Demnach stiegen die Umsätze im ersten Halbjahr 2008 trotz der schlechten Wirtschaftslage um fünf Prozent auf 3,1 Milliarden Dollar. (Vivendi setzt insgesamt 17,6 Milliarden um.) "Das ist die nächste Überraschung für unsere Investoren", sagte Levy. Die Musikindustrie sei "am unteren Ende des Zyklus" angekommen. "Wir sind extrem aktiv dabei, neue Geschäftsmodelle und Umsatzquellen zu erschließen."

Dazu gehört unter anderem, dass Universal an Produkten arbeitet, die den Zugang zu Musik mit elektronischen Geräten wie Handys verknüpft. Bald soll man sich bestimmte Nokia-Mobiltelefone kaufen können, die dank des so genannten "Comes with Music"-Dienstes über einen uneingeschränkten Zugang zur Musikbibliothek verschiedener Labels verfügen. Für diesen Dienst muss man einige Euro extra auf das Gerät zahlen, die Nokia dann an die Plattenfirmen weitergibt. "Wir reden mit allen großen Namen im Bereich Internet, Telekommunikationsausrüstung und Medien. Das sind große Chancen", meint Levy dazu. Es gehe um eine "Neuerfindung" des Musikgeschäftes. Die ist auch nötig: In den letzten 8 Jahren reduzierten sich die CD-Umsätze von knapp 37 Milliarden auf 30 Milliarden Dollar.

Das lange als Kleinvieh abgekanzelte Download-Geschäft läuft derweil immer besser. Die Verkaufszahlen der großen Player im Markt zeigen, wohin die Reise geht. Apples iTunes ist in den USA inzwischen größter Musikvertreiber des Landes - und zwar insgesamt gesehen. In der Statistik des Marktforschungsunternehmens NPD überholte der iPod-Hersteller kürzlich nicht nur den Online-Händler Amazon, sondern auch die Ladenketten Wal-Mart, Target und Best Buy, die in den USA die meisten CDs verkaufen. Damit setzt niemand mehr Musik als iTunes ab - egal ob physikalisch oder digital. Schon das zeigt die Bedeutung, die das Internet inzwischen für den Songvertrieb eingenommen hat. Vier Milliarden Songs wurden bis Januar 2008 über iTunes verkauft, das Wachstum hält an.

Fachleute wie der Internet-Experte Clay Shirky glauben, dass die Branche nur eine Chance hat, wenn sie das Netz annimmt, anstatt es zu verteufeln. Dazu gehört auch, dass man der Kundschaft stärker vertraut: Sie beispielsweise mit komplizierten Kopierschutzverfahren zu gängeln, gilt inzwischen als wenig hilfreich. Tatsächlich bieten inzwischen alle großen Labels auch ungeschützte MP3-Downloads an, ein Schritt, der noch vor kurzem für unmöglich gehalten wurde. 7digital, ein britischer Download-Anbieter, hat inzwischen auf allen Geräten frei nutzbare Musik von Universal, Sony, Warner und EMI im Angebot.

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