Daniel Cohn-Bendit über die EM und Fußballlegionäre: "Das ist kein Militärdienst"

Warum Daniel Cohn-Bendit DFB-Chef Zwanziger gut findet, Menschen vor einer Fußballniederlage Angst haben - und was die EU von der EM lernen kann.

Ist mit dem französischen Fußball aufgewachsen: Daniel Cohn-Bendit. Bild: dpa

taz: Herr Cohn-Bendit, Sie sind nicht nur ein EU-Spitzenpolitiker, sondern europaweit geachtetes Symbol einer wahrhaft transnationalen Identität. Und Sie waren bei dieser EM wieder hoffnungslos romantischer Frankreich-Fan. Warum regredieren Sie beim Fußball?

Daniel Cohn-Bendit: Der Fußball bringt mich zurück in meine Kindheit. Im Fußball mag man das, womit man als kleines Kind groß wurde. Ich wurde mit dem französischen Fußball groß.

1954 waren Sie neun.

Da war ich für die Ungarn, weil ich von denen fasziniert war. 1958 war ich dann für die erste große französische Nationalmannschaft …

Kopa, Just Fontaine.

Ja, das war meine Kindheit. Für diesmal waren die Franzosen eine leblose Mannschaft. Domenech …

der bisherige Trainer …

… hat bis zum Ende nichts riskiert. Und wer nichts riskiert, verliert.

Er hat gegen Italien Außenverteidiger Abidal für Thuram in die Innenverteidigung gestellt.

Das war da falsche Risiko.

Müssten Sie nun nicht als oberster Grüner für die Türkei sein?

Ich finde es witzig, wie der Fußball die Geografie Europas neu definiert, ohne dass es jemand stört, welche Länder da alles dazugehören. Wenn die Türken gut spielen und nicht nationalistisch ausflippen, finde ich das gut. Aber ich bin jetzt radikal für die Mannschaften, die den attraktiven Fußball spielen.

Für wen sind Sie demnach?

Für Portugal, die Niederlande und Spanien. Jeder träumt doch von einem Europa der Qualität, und das würde ein Finale Portugal gegen Niederlande symbolisieren. Der Witz ist: Das sind zwei kleine Länder, ohne finanzstarke Ligen, und trotzdem produzieren sie diese großartigen Spieler.

Was bedeutet das für Europa?

Da müsste man eine Doktorarbeit drüber schreiben.

Für Deutschland sind Sie heute jedenfalls nicht?

Wie ich sagte: Ich bin bereit, mich emotional auf guten Fußball einzulassen. Aber die Deutschen zeigten schon gegen Polen über weite Strecken nichts. Und dieses Nichts hat sich fortgesetzt. Deutschland ist in der qualitativ schwächsten Gruppe mit Hängen und Würgen durchgekommen.

Na, die Österreicher haben wir doch beherrscht.

Was? In der zweiten Hälfte waren die Deutschen doch so in die Defensive gedrückt wie 1974 im WM-Finale …

Na, na …

Nur waren es diesmal nicht Cruyff und die Niederländer, sondern Ösis.

Deutschland ist heute gegen Portugal chancenlos?

Wie es ausgeht, kann man auch in diesem Spiel nicht wissen. Aber die Fragen sind doch: Welche Mannschaft willst du sehen? Und: Was erwartest du von ihr?

Was bedeutet die Sehnsucht vieler, sich drei Wochen dezidiert als "Deutscher" zu fühlen? Und nicht als gleichberechtigter Europäer?

Ach, die Migranten haben oft zwei Fahnen an ihren Autos, türkische und französische, türkische und deutsche, das zeigt: Es gibt eine zweite Staaatsbürgerschaft, wo man eingewandert ist. Grundsätzlich ist so ein Fußballturnier das einzige Ereignis, bei dem man sich total identifizieren kann, ohne dass es politische Konsequenzen hat. Ich ziehe die zehn Prozent ab, die den Nationalismus anders meinen, aber die Mehrheit hat das Gefühl, es gibt so wenig, mit dem man sich identifizieren kann, weder Parteien noch Bewegungen. Und beim Fußball hat man die Volksgemeinschaft zum Nulltarif.

Ist der Fußballpatriotismus kindlich-rein oder kindisch?

Nix ist kindlich-rein, aber er ist kindlich-naiv. Wenn mein Sohn mich anruft und sagt: Du, ich habe Angst, dass Frankreich ausscheidet, dann ist er nicht allein. Vor dem Österreichspiel hatte doch halb Deutschland Schiss.

Wovor genau?

Eben. Ist das ist die Angst vor dem Geburtstag oder was? Das ist doch nichts Reales. Beim Fußball werden Emotionen zugelassen, die man im normalen Leben nicht zulässt.

Es ist aber nicht nur das "wir", es gibt auch das "gegen die". Wozu braucht jemand diese Klischee-Volkstümelei?

Volkstümelei macht eher Bild oder der polnische Boulevard. Für die meisten, die Party feiern, ist das "wir" wichtig und nicht das "gegen die". Man ist dafür. Man will, dass "wir" gewinnen, damit man feiern kann und sich wohlfühlt. Nehmen Sie Eintracht Frankfurt. Da kommen im Schnitt 48.000 Zuschauer und feiern Party, und die Eintracht reißt ja nicht gerade Bäume aus. Und dieser Regionalnationalismus ist ganz multikulturell.

Was sagt uns das?

Die Einbürgerung von Menschen muss genauso schnell gehen wie die Einbürgerung von Fußballern. Da kriegen die Polen einen Guerreiro, die Kroaten einen Eduardo da Silva, die Österreicher einen Korkmaz: Das ist doch toll. Wenn das schiefgeht gegen Portugal, werden hunderte von Jugendtrainern kucken, dass die Migranten die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Und der DFB wird eine Kampagne machen. Wer spielt denn in den Städten Fußball? Das sind die Migranten. Wer da ethnisch säubert, hat Pech gehabt.

Der DFB wird tatsächlich vorangehen?

Ja, mich beeindruckt Präsident Zwanziger, der ohne mit der Wimper zu zucken gerade etwas Wichtiges vorbereitet, das Coming-out von Schwulen. Und genauso wird der DFB eine emotionale Einbürgerungskampagne machen.

Ist es nicht auch so: Wir haben den Polen den Podolski weggenommen, weil wir der stärkere Markt sind?

Nein, die Podolskis sind Spätaussiedler. Das ist ein Teil der deutschen Geschichte. Was man daraus lernt, ist, dass Spätaussiedler polnische Emotionen haben können. Vor 30 Jahren sagte man, die haben deutsches Blut. Nun vollzieht sich eine Umdrehung der Geschichte.

Podolski jubelt nicht, wenn er ein Tor gegen sein Geburtsland Polen schießt - und die Mediengesellschaft ist gerührt, als sei der europäische Einigungsprozess vollzogen. Hat so etwas Bedeutung oder ist es Schmuh?

Ich weiß nicht, ich war jedenfalls überrascht, dass Podolski als Spätaussiedler so eine Affinität zu seiner polnischen Geschichte hat. Ich finde das interessant.

Herr Cohn-Bendit, die Schweiz ist selbstverständliche Gastgeber der EURO, will aber mit Europa nichts zu tun habe. Die EM endet nicht vor der Moschee, am Bosporus oder am Ural. Die EU schon.

Man sollte trennen zwischen Europa und Europäischer Union. Die EU ist der politische Wille von etwas, das kann kleiner sein als Europa. Interessant ist: Schafft man mit dem Fußball eine Form europäischer Öffentlichkeit, die man irgendwann politisch nutzen kann?

Kein Mensch würde auf die Idee kommen, dass die Türkei nicht bei der EM sein sollte.

Das ist völlig richtig, aber Russland ist auch dabei. Und die werden niemals zur EU gehören.

Teile mancher Länder oder Medien sind im Widerstand gegen die EU - ist eine EM da nicht kontraproduktiv, weil sie uns auf Nationales zurückwirft?

Wenn sie zurückwerfen würde, aber das sehe ich nicht. Das Problem ist, dass der Widerstand zum Nulltarif zu haben ist. Nehmen Sie die Iren: Für die ändert sich ja nichts, wenn sie nein zur EU sagen. Würde ein Fußballverband nicht gegen Israel antreten, hätte das eine Konsequenz: Er wäre draußen.

Ist die Nationalmannschaft für globalisierte Unternehmer wie Ballack, Ronaldo oder Henry nur eine Art "Militärdienst" an der Fußball-Front, wie die FAZ schrieb?

Das ist kein Militärdienst. Sie müssen ja nicht einrücken. Nehmen Sie Lilian Thuram. Weltmeister, Europameister, alles erreicht. Und so einer will mit fast 37 immer noch in der Nationalmannschaft spielen. Sich "Europameister" nennen zu können, das bedeutet für die Spieler etwas, auch wenn sie im Alltag transnational agieren. Ich glaube auch, dass Ballack Lust hat, zu spielen.

Warum?

Sie wollen mehr sein, und wenn Ballack mit Deutschland Europameister wird, dann ist er mehr. Wieso will ein Ackermann 500.000 Euro im Monat? Weil er dann mehr ist. Die Spitzenfußballer haben das Geld mit dem Arbeitgeber abgegolten, aber sie wollen auch in die Geschichte eingehen. Ein Politiker will das, ein Schriftsteller will das. Ein Fußballer auch. Und bei WM und EM vollziehen sich die Momente, in denen du in die Geschichte eingehst.

Europäische Newcomer wie Rumänien oder Kroatien stürmen nicht frisch nach vorn, sondern verteidigen verbissen ihr Tor. Warum?

Die Rumänen hatten damit großen Erfolg in der Qualifikation. Die Holländern haben gegen sie kein einziges Tor geschossen. Es ist schade, dass die Rumänen sich ihre früheren Verrücktheiten abgeschliffen haben. Die Stars, die aus dem Postkommunismus kommen, haben heute noch einen Schuss mehr Disziplin als die anderen. Das ist auch beim kroatischen Trainer Slaven Bilic so, der ja ein Ultranationalist ist.

Welchen Besitzstand haben Sie zu wahren?

Das funktioniert anders: Für diese Länder ist eine EM noch ein neues Entree in die europäische Elite. Die wollen das so sehr, dass sie nichts riskieren. Und solange das funktioniert, machen sie so weiter. In ihrem Land wird so viel vom Fußballteam erwartet, dass sie nicht mehr spielerisch an die Sache rangehen können.

Wie wird Joachim Löw in der fußballaffinen politischen Elite Europas wahrgenommen? Wofür steht er?

Löw steht für unaufregtes, nationales Selbstbewusstsein.Und sein Fußball ist im Grunde doch positiv. Dieses Martialische, dass man den anderen den Schneid abkaufen muss, das ist nicht seine Philosophie.

Inwiefern ist er trotz seines Dialektbekenntnisses zur Regionalität ein Europäer?

Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Beckenbauer kann auch kein Hochdeutsch.

Wie sehen Sie die deutschen Spieler?

Ich finde, das Michael Ballack in London weltoffener geworden ist. Dagegen sind die Lahm, Mertesacker und Jansen noch liebe, brave, deutsche Jungs. Das kann ein Problem werden, wenn die Auseinandersetzung härter wird. Als die Franzosen bei der letzten WM furchtbar schlecht gestartet waren, haben die großen, reifen Spieler dem Trainer gesagt: So wollen wir nicht spielen. Und dann haben sie ihm ihre Spielweise aufgezwungen.

Seit wann funktioniert Demokratie im Fußball?

Das Beste kommt heraus, wenn es eine positive Spannung gibt zwischen dem Trainer und der Mannschaft. Und da habe ich die Sorge, dass die Deutschen nicht das nötige Selbstbewusstsein haben, um gegen die Trainer eine andere Position zu vertreten. Ich glaube auch, dass die Trainer viel zu wenig Widerstand produzieren und zulassen. Im modernen Fußball kann diese Einordnung fatale Folgen haben. Wenn es mal nicht klappt, dann reißt es auch einer allein nicht raus.

Sie meinen Ballack?

Genau. Einer allein schafft das nicht.

INTERVIEW: PETER UNFRIED

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