: DIE GEILHEIT HINTER DER KAMERA
■ Mädchenvideos im Chip
An Mädchen vor der Kamera hat es zwar noch nie gefehlt, aber daß ihre Lust der Selbstdarstellung meist durch den männlichen Blick der Herren an der Technik gefiltert wird, ist ein alter, trotzdem noch nicht aus der Mode gekommener Hut. Der Frauenarbeitskreis des Bezirksamtes Kreuzberg ärgerte sich bei der Zusammenstellung des Programms einer Mädchenfilmwoche darüber und beschloß, den Mangel mit praktischen Übungen anzugehen. Sie wollten die Mädchen zum mutigen Umgang mit der Technik animieren, denn so gerne diese auch sich selbst auf Leinwänden oder Bildschirmen sehen und sich vor der Kamera produzieren - selbst die Arbeit mit Licht, Ton und Kamera in die Hand zu nehmen, lag ihnen fern. Vielleicht aber liegt in der Aneignung der Technik der Schlüssel, um den eigenen Narzißmus auszuleben, ohne sich zwangsläufig vermarkten zu lassen. Erst wer mit den Medien selbst umgehen kann, nimmt die Möglichkeiten der Manipulation bewußter wahr.
Der Frauenarbeitskreis forderte also im Herbst letzten Jahres Mädchengruppen zu einem Videowettbewerb auf und bot Workshops zur Annäherung an die Technik an. Das Thema „Bitte recht freundlich“ forderte doppeldeutig zur Auseinandersetzung mit der Frauenrolle vor der Kamera auf, ließ aber auch für Phantasien Raum.
Zehn Mädchengruppen aus Berlin mit Mädchen zwischen zwölf und 20 Jahren haben die Möglichkeiten der Selbstinszenierung ausprobiert. Die älteren setzten sich mit den geforderten Frauenrollen im Beruf auseinander und beschrieben das Vermummungsgebot, das eine Frau befolgen muß, um von männlicher Anmache unbehelligt zu bleiben. Die Teenies kontrastierten das Gebot der Freundlichkeit gegenüber den Eltern mit den Träumen vom Leben in einer eigenen Welt und sie zeigten sich auf einer Fete von ihrer schlimmsten Seite. Eine andere Gruppe junger Mädchen verkleidete sich als alte Frauen, die im Rückblick auf ihr Leben noch einmal die begangenen Dumm- und Bosheiten genießen. Auch dokumentarisch arbeiteten einige Mädchen und interviewten Roller -Skaterinnen über ihre Lebensziele. Fast alle beweisen in ihren Geschichten eine große Offenheit gegen sich selbst, auch Distanz und Witz gegenüber ihren Sehnsüchten. Anders als in Kurzfilmen von Erwachsenen scheinen sie nicht den Streß zu kennen, sich als Künstler profilieren zu müssen.
KBM
Morgen werden ab 17 Uhr im Jugendzentrum Chip in der Reichenberger Straße 44-45 die Videos gezeigt, der Preis verliehen und eine Fete gefeiert. Einlaß ab 16 Uhr (nur für Mädchen und Frauen).
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