piwik no script img

Christiane RösingerAus dem Leben einer BoomerinWarum Ältere an Weihnachten im Vorteil sind

Foto: Fo­to:­ Doro Tuch

Nur noch zwei Wochen sind es bis Weihnachten – wir sind in der Voll-Vorweihnachtszeit! Wer jetzt noch nicht weiß, wie er Weihnachten feiern soll, für den wird es höchste Zeit.

Hier sind wir Älteren im Vorteil, haben wir doch im Lauf der Jahrzehnte schon verschiedene Weihnachtsmoden erlebt.

Wir können aus diesem Repertoire das Passende zum Fest wählen.

Die Boomerin hat in der Kindheit natürlich traditionell Weihnachten gefeiert, mit vorweihnachtlicher Backverzweiflung, weihnachtlichem Kirchgang, gestressten Müttern und alten Vätern, die das ganze Jahr lang nichts redeten, aber an Heiligabend sentimental wurden und vom Krieg erzählen.

Nach dem Singen dann Bescherung, das Geschenkpapier wird geglättet und aufbewahrt. So weit so gut.

In den späten Siebzigern verlangte der Zeitgeist „kritisch“ Weihnachten zu feiern. Die Lehrer zwangen uns jedes Jahr aufs neue, die Böll‘sche Lesebuchgeschichte „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ bis zum bitteren Ende – dem pausenlos „Frieden“ flüsternden Engel – zu interpretieren.

Die Referendare schnitten konsumkritische Feuilleton-Artikel mit tollen Wortspiel-Überschriften wie „Süßer die Kassen nie klingeln“ oder „Oje du Fröhliche“ aus und „kurbelten sie auf Matrize“. Das ist ein altertümliches Kopierverfahren. Es hier genauer zu erklären würde das taz-Format sprengen. Es ist wie eine Kopie, aber ohne Kopierer und in lila.

Kritisch feiern hieß zuerst einmal kritisch schenken. Also bloß nichts Luxuriöses, Glitzerndes, Überflüssiges, sondern lieber jutesackfarbene Produkte vom Dritte Welt-Weihnachtsbasar oder Selbstgebasteltes.

Je grobgeschnitzter, löchriggestrickter oder plumpgetöpferter desto besser. In der Schule flöteten die üblichen Streber den fortschrittlichen Religionslehrern Stichworte wie „Einkaufsstress statt Besinnung“ oder „Familienkrach zum Fest der Liebe“ zu. All das ist lange her.

Wer heute noch Eltern hat, unternimmt an Weihnachten eine Reise und unterwirft sich an dem Heiligen Abend eben dem elterlichen Weihnachtsreglement.

Da bei den heutigen Vierzigjährigen eine Traditionalisierung zu beobachten ist, dürfte es hier außer dem üblichen Stadt- Land/ Vegetarier- Carnivoren- Gegensatz, wenig Konflikte geben.

Da im Westen Deutschlands viele auf ein hübsches Erbe der alten Eltern hoffen, ist die Bereitschaft zur Konfliktvermeidung groß.

Wer AFD/BSW oder Lindner- Fans in der Verwandtschaft hat, ist am Weihnachtsabend natürlich doppelt gefordert und nicht zu beneiden.

Sind keine Eltern mehr da, aber Kinder im Haus, heißt es eigene Traditionen schaffen.

Da lässt sich zum Beispiel die alte christliche Eltern- Weihnacht heidnisch updaten mit Völlerei, Lichterzauber und ironischem Weihnachtsliedersingen.

Väter, die das ganze Jahr nichts redeten, aber an Heiligabend sentimental wurden und vom Krieg erzählen

Sind die eigenen Kinder groß, müssen die sich wiederum der elterlich- ironischen Weihnachtstradition anschließen.

Haben die Kinder wiederum Kinder, sorgt die Generation Z und die Gen Alpha während des ironisch heidnisch katholischen Weihnachtsspektakels für wichtige anarchische Impulse.

Bei diesem Modell ist also für jeden etwas dabei.

taz lesen kann jede:r

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 40.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen