Cem Özdemir über Kreuzberger Drogenszene: "Zuschauen ist das Dümmste, was man tun kann"

Cem Özdemir lebt am Kottbusser Tor. Der Streit über die Drogenszene betrifft ihn persönlich: In seinem Wohnhaus sollte ein Druckraum für Junkies unterkommen.

"Schwätze muss man mit de Leut": Cem Özdemir, Migrant aus Schwaben, lebt gerne in Kreuzberg Bild: REUTERS

CEM ÖZDEMIR, 43, ist Bundesvorsitzender der Grünen. Und Kreuzberger: Mit Frau und Tochter wohnt er in der Nähe vom Kottbusser Tor.

Seit Jahrzehnten treffen sich Junkies und Dealer am Kottbusser Tor. Im vergangenen Jahr wurde das Parkhaus an der Skalitzer Straße, in das sich Fixer oft zurückzogen, verschlossen. Vor einigen Häusern schieben Security-Leute Wache. Beides führt dazu, dass die Junkies stärker auf die Straße drängen.

Lange arrangierten sich die Menschen am Kottbusser Tor mit der Drogenszene. Inzwischen beschweren sie sich: Ende 2008 schrieben die Gewerbetreibenden einen offenen Brief an den Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne). Anwohner gründeten eine Bürgerinitiative für ein drogenfreies Kottbusser Tor, organisierten eine Demo und eine Podiumsdiskussion.

Ende März muss der Druckraum, in dem sich Junkies einen Schuss setzen können, aus der Dresdener Straße ausziehen. Der Vermieter hat gekündigt. Nach Angaben von Schulz gestaltet sich die Suche nach einem neuen Ort sehr schwierig. ALL

taz: Herr Özdemir, nehmen Sie manchmal Drogen?

Cem Özdemir: Ich bin ein großer Anhänger der grünen Drogenpolitik.

Sie weichen aus.

Sie haben recht. Ich bin niemand, der in einer vollständig drogenfreien Welt lebt. Es gibt ja auch legale Drogen wie Alkohol, die bei uns kulturell akzeptiert sind.

Kiffen Sie ab und zu?

Sagen wir so: Das Kiffen ist mir nicht völlig unbekannt.

Sie wohnen direkt an der Quelle: Am Kottbusser Tor bekommt man alles, von Gras über Kokain bis hin zu Heroin. Es gibt idyllischere Orte in Berlin. Warum leben Sie mit Ihrer Familie genau da?

Ich habe früher in Neukölln in der Sonnenallee gewohnt, später in der Schöneberger Motzstraße, dann in Moabit. Jetzt leben wir in Kreuzberg, das hat doch eine gewisse Kontinuität. Ich hätte mich nicht wohlgefühlt in einem Stadtteil, wo alles gepflegt ist wie in der Truman Show. Ich komme aus einer sehr ordentlichen Gegend im Schwäbischen. Das Bedürfnis nach Idylle ist für den Rest meines Lebens befriedigt.

Sie fühlen sich wohl mit dem Elend vor der Tür. Schwingt da ein wenig Sozialromantik mit?

Nein, das ist Unsinn. Mir gefällt es einfach in Kreuzberg. Da wohnen viele Freunde von mir, viele auch in unserer Hausgemeinschaft. Man kann beim Nachbarn klingeln, wenn man beim Einkaufen was vergessen hat. Wenn wir keinen Babysitter finden, kümmern sich auch mal die Nachbarn - und umgekehrt. Die Türen stehen offen. Das ist eine Wohnform, die mir sehr sympathisch ist.

Hängen Sie mehr am Haus als am Viertel?

Das würde ich nicht sagen. Kreuzberg und die Gegend um das Kottbusser Tor sind spannend und im Übrigen beileibe nicht nur elend. Man sieht dort all die Dinge, über die wir in der bundesrepublikanischen Debatte oft reden, wie unter einem Brennglas. Fragen der Integration, der Drogenpolitik, all das kann man in Kreuzberg beobachten. Wenn es uns dort gelingt, zu zeigen, dass das Zusammenleben von Deutschen und Migranten auch in der Praxis funktioniert, wenn wir es schaffen, eine humane Drogenpolitik zu machen, dann können wir auch den Anspruch vertreten, das bundesweit umzusetzen.

Genau da liegt im Moment das Problem. Eine Anwohnerinitiative am Kottbusser Tor protestiert gegen die vielen Dealer und die Junkies, die sich in den Hauseingängen spritzen. Die Drogenhilfe hat Angst, dass die Szene vertrieben wird. Und die Grünen und ihr Bezirksbürgermeister Franz Schulz stehen dazwischen.

Natürlich sollte man das, was man predigt, auch praktizieren. Das heißt für uns Grüne, dass wir den Konflikt nicht treiben lassen, sondern ihn moderieren. Einerseits müssen wir die Sorgen und das Sicherheitsbedürfnis der Anwohner ernst nehmen. Andererseits sind wir eine Partei, die für Hilfen für Drogensüchtige steht. Wir glauben, dass man sie nicht einfach alleinlassen und ihrem Schicksal überlassen sollte. Da gerät man in ein Dilemma, das will ich nicht schönreden. Aber da müssen wir eben vermitteln.

Hat sich Ihrer Einschätzung nach die Lage verschärft?

Ich lebe erst seit anderthalb Jahren am Kotti, ich kann das schwer beurteilen. Meine Nachbarn erzählen mir aber, dass die Belastungen stärker geworden sind. Das hat sicher mit der Vertreibung der Drogenszene aus anderen Stadtteilen zu tun.

Treffen Sie selbst oft auf Junkies?

Wenn man aus der U-Bahn kommt, begegnen sie einem natürlich. Ich müsste mir die Augen verbinden, um sie nicht zu sehen. Wobei mehr die Alkoholszene in Erscheinung tritt als die Heroinszene.

Hatten Sie unangenehme Begegnungen?

Eigentlich nicht. Mein Eindruck ist, dass die Passanten in Ruhe gelassen werden. Das Problem entsteht dann, wenn die Drogenkranken ihre Bedürfnisse befriedigen, wenn sie aufs Klo müssen, sich einen Schuss setzen oder versuchen, irgendwie Geld aufzutreiben.

Wie kann man den Konflikt Ihrer Meinung nach lösen?

Zunächst einmal verstehe ich nicht, dass man das so sehr als Kreuzberger Problem betrachtet. Der Bezirk wird vom Land Berlin alleingelassen. Dabei ist das ein Thema, das weit über das Kottbusser Tor hinausweist. Ich wundere mich auch, dass Kreuzberg sich das so hat anheften lassen.

Das Land finanziert den Druckraum in der Dresdener Straße, wo Junkies sich unter hygienischen Bedingungen spritzen können.

Ja, gut. Ich glaube aber nicht, dass die jetzigen Öffnungszeiten von vier Stunden pro Tag ausreichen. Eigentlich braucht man eine Betreuung rund um die Uhr. Die Junkies sollten einen beheizten, überdachten Ort haben, an dem sie menschenwürdig behandelt werden.

Längere Öffnungszeiten des Druckraums - glauben Sie, das reicht als Lösung aus?

Die Sachverständigen sagen, im Grunde benötigt man zusätzlich auch einen Raum für die Alkoholkranken. Es müsste eine Gesundheits- und eine Berufsberatung geben, Klos und Duschen. All das zusammengenommen ist aus dem Bezirk heraus nicht finanzierbar. Das Land muss mithelfen.

Wie kann man die Bewohner am besten beruhigen?

Sicherlich nicht, indem man nichts tut. Im Schwäbischen würde man sagen: Schwätze muss man mit de Leut. Man kann ja gegenüber den Anwohnern durchaus argumentieren, dass ein Druckraum hilft, die Situation zu lindern. Das zu vermitteln ist bisher nicht gut gelungen, um das mal vorsichtig zu formulieren.

Ihre Kritik zielt in Richtung Ihres Parteikollegen und Bezirksbürgermeisters Franz Schulz.

Das will ich nicht sagen. Ich nehme nur wahr, dass es einen großen Gesprächsbedarf gibt. Franz Schulz hat jetzt einen runden Tisch organisiert, das finde ich gut. Es ist wichtig, zwischen beiden Seiten zu moderieren, damit es nicht zur Eskalation kommt.

Diese Gefahr besteht?

Wenn manche Anwohner von Selbstjustiz reden und mir erzählen, es hätte schon einer das Messer gezogen - das sind Dinge, die man nicht achselzuckend zur Kenntnis nehmen sollte.

Es sind vor allem Migranten, die jetzt auf die Barrikaden gehen und sich engagieren. Ist das ein Zeichen für Integration?

Absolut. Das ist das, was wir immer wollten. Man muss aber aufpassen. Viele Anwohner nehmen das doch so wahr: Sie glauben, dass die Politik die Drogenszene am Kotti belässt, eben weil da vor allem Migranten wohnen, die nicht gut Deutsch sprechen, nicht eingebürgert sind, nicht wählen können und daher weniger Protestpotenzial haben. Ich finde, mit diesem Argument muss man umgehen. Das hat man in der Vergangenheit nicht gut gemacht. Ich lese auch die türkischen Zeitungen. Mein Eindruck war: Da fahren zwei Züge aufeinander zu. Einfach zuschauen ist das Dümmste, was man tun kann. Auch fundamentalistische und türkische ultranationalistische Gruppen nutzen das aus.

Inwiefern?

Sie sagen: Seht euch die Drogenprobleme an, das ist die böse deutsche offene Gesellschaft, deshalb müsst ihr zu uns kommen. Eltern erzählen mir, dass ihren Kindern auf diese Weise das Gehirn gewaschen wird.

Auf einer Demo protestierten einige Linke gegen die Bürgerinitiative. Sie befürchten eine Aufwertung des Viertels. Auf einem Plakat stand: "Junkies bleiben, Yuppies vertreiben".

Einer der Migranten hat gesagt: Als unsere Eltern nicht genug Deutsch sprachen, hattet ihr kein Problem mit ihnen, denn sie konnten sich nicht einbringen. Jetzt, da wir halbwegs Deutsch gelernt haben und uns für unsere Belange engagieren, bekommen wir den Yuppie-Stempel aufgedrückt. Dem kann ich einiges abgewinnen.

Zwischen den Gruppen zu vermitteln ist eine Sache. Was könnte man drogenpolitisch tun, um die Situation zu entschärfen?

Im Prinzip muss man am Kottbusser Tor auch eine generelle Drogendiskussion führen. Wie geht man mit Schwerstdrogenabhängigen um? Ich halte es für Heuchelei, wenn man so tut, als ob man das Problem mit Verboten in den Griff bekommt. Es gab ja Modellversuche zur legalen Abgabe von Heroin, die sich als sehr sinnvoll erwiesen haben. Unter grüner Politik verstehe ich auch, dass man das große Bild nicht aus den Augen verliert.

Da geraten Sie nun in eine Zwickmühle: Der Druckraum in der Dresdener Straße muss Ende März ausziehen. Franz Schulz hat vorgeschlagen, ihn im Erdgeschoss Ihres Wohnhauses unterzubringen. Einerseits fordern Sie eine liberale Drogenpolitik. Andererseits wollen auch Sie den Druckraum nicht im eigenen Haus.

Dazu gibt es von mir bis jetzt keine einzige Äußerung. Alles, was ich gesagt habe, war: Man muss mit den Anwohnern reden. Wenn Herr Schulz den Druckraum in unserem Haus unterbringen wollte, war der Weg über die Zeitung völlig falsch. Ich habe nicht verstanden, warum er nicht an der Tür geklingelt und uns gefragt hat. Wir hätten doch darüber sprechen können. Aber das ist nicht passiert.

Herr Schulz hat Ihnen einen Brief geschrieben.

Auch das reicht nicht aus. Wie hätte ich das im Haus vermitteln sollen? Herr Parteivorsitzender, reden Sie mal mit den Leuten - nein, so geht das nicht. Bei uns wohnen vor allem Grünen-Anhänger. Die überzeugt man nicht, indem man sie vor vollendete Tatsachen stellt. Sie mögen es nicht, wenn ihnen von oben, sei es vom Bezirksbürgermeister oder vom Parteivorsitzenden, gesagt wird, was richtig und was falsch ist.

Das ist die Kritik am Vorgehen des Bürgermeisters. Würden Sie persönlich eine Fixerstube in Ihrem Haus wollen?

Da muss man drüber reden. Reichen die Räumlichkeiten aus? Ist das an diesem Ort machbar? Aber mit mir hat niemand gesprochen. Die Mehrheit meiner Nachbarn sagt: Hinter dem Haus ist ein Spielplatz und ein Kindergarten. Das ist nicht die beste Adresse für einen Druckraum.

Und das ist auch Ihre Meinung?

Nein. Es gibt auch gute Argumente für den Druckraum. Ich bin da offen, ich will mich gerne daran beteiligen. Es gibt für mich keine Tabus, inklusive des eigenen Hauses. Aber das Vorgehen muss ein anderes sein.

Herr Schulz hat Sie mit dem Vorschlag in die Bredouille gebracht. Wollte er Ihnen ans Bein pinkeln?

Das will ich ihm nicht unterstellen. Aber warum er das so gemacht hat, da müssen Sie ihn schon selber fragen.

Was glauben Sie, findet sich bald eine Lösung für das Kottbusser Tor?

Ich hoffe es. Wenn es eine einfache Lösung gäbe, hätte man sie sicher schon gefunden. Was nicht geht, ist, dass man das über die Presse oder par ordre du mufti macht. Das hat noch nie funktioniert, schon gar nicht in Kreuzberg.

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