■ Cash & Crash: Begeisterung für Soros
Berlin (taz) – „Unter zehn Chinesen spielen neun Börse“ – so lautet eine geläufige Floskel in China. Seitdem Deng Xiaoping zu den Chinesen sagte: „Laß einen Teil der Menschen zuerst reich werden!“ – streben viele Großstädter eifrig danach, den kürzesten Weg zum Reichtum zu finden. In dem marktwirtschaftlichen Strudel erkennen immer mehr Chinesen, daß die Börse eine richtige „Zockerbude“ ist. In Shanghai, Guangzhou oder Peking – überall, wo das Börsenkapital gewaltig steigt, lassen sich vor allem junge Menschen in den Bann der Kurse ziehen.
In der Millionenstadt Shanghai, deren Börse mit mehr als 370 gehandelten Papieren zu den größten Chinas gehört, ist ein guter Teil der Studenten an der Aktienspekulation aktiv beteiligt. Viele Studenten haben sogar zu Hause ihr eigenes „Consulting“-Büro für Börsenneulinge und beraten ihre Bekannten und Familienmitglieder beim Spekulieren. Laut der Zeitschrift falü yu shenghuo (Gesetz und Leben) wurde bei einer Untersuchung festgestellt, daß von zwölf Lehrern der Oberen Klasse 3 eines Gymnasiums zehn an der Börse spekulieren. Das Lehrerzimmer nutzen sie als ihren Treffpunkt. Dort tauschen sie ihre Informationen über das Auf und Ab der Aktienkurse aus.
Die Börsenwelle schlägt auch in der Stadt Guangzhou und ihrer Umgebung hoch. Dort lesen die Börsianer derzeit alles, was sie über Soros in die Finger bekommen. Soros ist einer der Spekulanten der Welt, der die thailändische Währung ins Wanken gebracht haben soll. Viele Chinesen sehen in ihm ein großes Vorbild. Und die Verleger haben offenkundig den Trend ebenfalls richtig wahrgenommen: Seit Jahreswechsel erschienen innerhalb eines Monats bereits sieben Bücher über den Supermann mit aufsehenerregenden Titeln wie „Der Mann, der die Welt abriegelt“ oder „Tornado der Aktien“.
Soros ist nicht nur für die Börsianer zu einer Kultfigur geworden, auch die Finanzbehörden und -institute nehmen das Phänomen ernst. Viele glauben, daß man sich durch die Analyse von Soros den marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten nähern kann. „Man muß die Gesetze des Marktes respektieren“ – so Long Yongtu, Pekings Vizeminister für Außenhandel.
Das Forschungsinstitut für Entwicklung in der Sonderwirtschaftszone Shenzhen hat eine eigene Arbeitsgruppe gebildet, um Soros zu studieren und herauszufinden, mit welchen Maßnahmen China der Asienkrise entgehen kann. Der Provinzgouverneur Guangdongs fordert sogar öffentlich von seinen Kadern mit Führungsposition, sich mit Soros vertraut zu machen. „Trefft keine dummen Entscheidungen, und habt mehr Vertrauen in die Wirtschaft!“ Zhang Junhua
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