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Britney, one more time!

Lange vergessen und doch hochaktuell: Das Nationaltheater Mannheim bringt Maria Lazars Roman „Veritas verhext die Stadt“ auf die Bühne, der wie kaum ein anderer die Folgen von Fakes und Verleumdungen analysiert

Die digitalen Sphären schaffen ganz im Sinne des französischen Poststrukturalisten Jean Baudrillard Scheinrealitäten und drohen die eigentliche zu ersetzen – Szenenbild aus Mannheim Foto: Christian Kleiner

Von Björn Hayer

Wie ein Geschwür breitet es sich aus und bildet Metastasen: das Gerücht, das sukzessive unsere Gewissheiten infrage zu stellen vermag. Schon lange vor viralen Fake News hat die 1948 in Stockholm gestorbene österreichische Autorin Maria Lazar seine zerstörerische Macht in ihrem Roman „Veritas verhext die Stadt“ beschrieben.

Die Stimmung scheint darin von Anfang an vergiftet. Von einem „Himmel“ ist die Rede, der an rotes, „hypermangansaures Kali [erinnert], wenn man zu viel davon in Gurgelwasser tut“.

Dass Übles in der Luft liegt, geht auf anonyme Briefe zurück, die die titelgebende, mysteriöse Figur des Romans an die Be­woh­ne­r:in­nen Kopenhagens verschickt. Sie enthalten allerlei kompromittierende Informationen oder auch Lügen.

Ein Arzt sieht sich in seinen pädophilen Neigungen ertappt, einer Frau wird eine außereheliche Beziehung und Schwangerschaft nachgesagt. Wieder andere werden beschuldigt, ihr Kind vergiftet zu haben. Nachdem eine Frau ob dieser Offenbarungen vor Schreck stirbt, macht sich Panik breit.

Die Fama regiert und entfacht eine Hexenjagd auf die mögliche Verfasserin der Schmähschriften. Mit fatalen Folgen, denn eine weitere Bewohnerin der Stadt verliert im Zuge dessen ihr Leben.

Sicher erweist sich nicht allein die Story des 1931 veröffentlichten Textes als brisant. Die Form dafür umso mehr, entwirft die erst spät wiederentdeckte Autorin doch darin ein multiperspektivisches Spiel.

Ähnlich der „Truman Show“ springt ihr Erzähler von einem olympischen Standpunkt aus abwechselnd in das Bewusstsein ihrer Prota­go­nist:in­nen. Gebunden an diese subjektiven Per­spek­ti­ven, wird uns der Zugang zur Wahrheit verweigert.

Verstärkend kommt hier die Geschwätzigkeit als ästhetisches Prinzip hinzu. Immer wieder schweift die Geschichte ab. Redewendungen, Phrasen und dialektale Wendungen blasen die Sprache förmlich auf – dem Textdesign wohnt damit das anwachsende Gerücht inne. Aber, taugt diese komplexe Struktur ebenfalls für die Inszenierung auf der Bühne?

Am Nationaltheater Mannheim hat sich nun Katharina Kohler an das mit seinen zahlreichen Namen und Abzweigungen herausfordernde Werk he­ran­ge­wagt. Natürlich in modernisierter Aufmachung.

Statt Briefe werden jetzt vor allem Posts und Handynachrichten herumgeschickt. Da die mal entlarvenden, mal falschen Behauptungen schon in der ursprünglichen Geschichte eine ganz eigene Wirklichkeit erzeugen, hat sich die Regie in der ersten Hälfte für einen durchsichtigen Vorhang vor dem Schauplatz des Geschehens entschieden.

Im Laufe des Abends lesen wir darauf Sprüche wie „What a bitch. Schlampe“ oder blicken auf gleich drei projizierte ­Insta-Timelines mit Meldungen zu Collien Fernandes oder Jeff­rey Epstein. Derweil vollführen die Dar­stel­le­r:in­nen (u. a. Sarah Zastrau, Paul Simon, Maria Munkert) dahinter, insbesondere zwischen den Szenen kantige, touretteartige Bewegungen aus, ganz so, als würden sie – vom Sog der Gerüchte – mitgerissen oder fremdbestimmt.

„Wenn einer mal den Verdacht auf sich hat“, so hören wir, „das klebt fest […] wie Pech.“

Es verschiebt die Koordinaten dessen, was als zweifelsfrei gelten kann. Kohler hat daher auch mehrere Zerrspiegel im Bühnenbild (Kulisse: Jodie Fox) positioniert. Die Protago­nis­t:in­nen wirken darauf dick und unförmig, entsprechen eben nicht ihrer objektiven Statur.

Obgleich die Regisseurin auf eine plakative Aktualisierung verzichtet, macht sie mit derlei Requisiten ihre Medienkritik deutlich. Allen voran die digitalen Sphären schaffen ganz im Sinne des französischen Poststrukturalisten Jean ­Baudrillard Scheinrealitäten. Sie drohen die eigentliche zu ersetzen, wenn etwa einmal die KI Grok gebeten wird, eine der Figuren doch mal im Bikini oder gar nackt zu zeigen.

Zum einen greift die Inszenierung die Folgen eines aller Moral beraubten Netzes auf, in dem Menschen zum pornografischen Material verkommen, zum anderen zeigt es die Effekte von Hetzkampagnen.

in ein taz-Blindtext. Von Geburt an. Es hatIch bin ein taz-Blindtext.Ich bin ein taz-Blindtext.

Letzteres ist durchaus auch mit Blick auf den Roman kein unheikles Thema.

Woran wir heute denken, sind nicht zuletzt öffentliche Vorwürfe gegen männliche Prominente wie Jörg Kachelmann oder Kevin Spacey wegen sexueller Übergriffe. Viele stimmen, manche haben sich im Nach­hinein als zumindest nicht eindeutig evident herausgestellt (und Lebensläufe schwer beschädigt).

Dieser Gemengelage steht ein literarischer Entwurf mit markant feministischer Handschrift gegenüber, handelt es sich bei den Todesopfern doch durchweg um Frauen.

Eine davon die Köchin Jeannette, in der die meisten Be­woh­ne­r:in­nen ein Lästermaul sahen und somit sogleich die Verfasserin der Briefe identifizieren wollten.

Dabei lässt uns Lazar über die Urheberschaft der Briefe bis zum Schluss im Unklaren. Genauso wie Kohler. Sie hebt kei­ne:n exklusiv hervor. Ihr Ensemble spricht häufig im Chor. Je­de:r nimmt verschiedene Rollen an, und alle sprechen sie hin und wieder durch Öffnungen im Bühnenbild.

Jenseits des Vorhangs schauen wir auf zwei halbrunde, verrückbare Wände mit Rissen und Löchern, durch die die Spie­le­r:in­nen ihre Köpfe stecken. Der innere Kreis dient als Interieur, der äußere als Hausfassade.

Foto: Christian Kleiner

Passend muten ebenfalls die Kostüme an. Mehrfach treten die Figuren in beigegrauen Trenchcoats zum Tuscheln zusammen und erinnern an anonyme Spitzel.

Wer weiß, dass die 1895 in Wien geborene Schriftstellerin vor den Nazis ins Exil floh und zuvor schmerzlich die Auswirkungen der Zensur erfahren musste, kann erahnen, welch ernste Bewandtnis „Veritas verhext die Stadt“ zugrunde liegt.

Nichtsdestotrotz spart sie nicht an Komik und typisch österreichischer Ironie. Kohlers so kluge wie beschwingte Inszenierung greift die situative Leichtigkeit gekonnt auf, indem sie zum Beispiel eine ihrer Dar­stel­le­r:in­nen herrlich Britney Spears’ „Baby One More Time“ vorsingen lässt. Ja, diesen einen Schlag, den sich die Sängerin wünscht, um sich zu spüren, er täte so gut. Könnte er doch einfach die verschüttete Wahrheit ans Tageslicht bringen und überhaupt alle Lügen aus der Welt räumen.

Aber das wäre dann eben doch ein wenig zu banal für diesen vielschichtigen Abend.

https://www.nationaltheater-mannheim.de/spielplan/a-z/veritas-eine-hexenjagd/

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