Brandenburgwahl: "Mein halbes Leben im Rathaus"

In kleinen Gemeinden kann man nur etwas erreichen, wenn alle zusammen arbeiten, sagt Ravindra Gujjula (SPD). Seit 15 Jahren ist der Arzt Ortsbürgermeister in Altlandsberg bei Strausberg

Bei der Kommunalwahl in Brandenburg am 28. September wird auch über Bürgermeister von Dörfern und kleinen Gemeinden entschieden. Diese werden zum Teil direkt als ehrenamtliche Bürgermeister gewählt. Oder der frisch gewählte Ortsbeirat bestimmt später einen Kandidaten aus seiner Mitte zum sogenannten Ortsvorsteher, auch Ortsbürgermeister genannt. Er bleibt für die Dauer der Wahlperiode im Amt.

Ravindra Gujjula (54) ist seit 15 Jahren Orstbürgermeister von Altlandsberg. Die Gemeinde mit knapp 5.000 Einwohnern liegt östlich von Berlin zwischen Marzahn und Strausberg. Seit 2007 sitzt der Facharzt für innere Medizin zudem für die SPD im Brandenburgischen Landtag.

taz: Herr Gujjula, was zeichnet einen guten Bürgermeister aus?

Ravindra Gujjula: Dass er ehrlich ist und den Leuten keine falschen Versprechungen macht. Und dass er umsetzt, was er sich vorgenommen hat. Das Ergebnis sieht er bei der nächsten Kommunalwahl, wenn die Stimmen ausgezählt werden.

Wie war das bei Ihnen?

Als ich 1993 zum ersten Mal in Altlandberg kandidiert habe, bin ich mit 63 Prozent der Gesamtstimmen gewählt worden. 1998 habe ich 81 Prozent bekommen. 2003 waren es sogar noch mehr.

Damals wurde der Bürgermeister noch direkt vom Volk gewählt. Bei der Brandenburger Kommunalwahl am 28. September wird nur ein Ortsbeirat gewählt, der den Bürgermeister bestimmt. Treten Sie noch mal an?

Vermutlich nicht. Die endgültige Entscheidung fälle ich aber erst eine Woche nach der Kommunalwahl. Da kommt der Ortsbeirat von Altlandsberg zusammen. Das neunköpfige Gremium wählt aus seiner Mitte den Ortsbürgermeister.

Warum zögern Sie?

Ich bin seit 2007 auch noch Landtagsabgeordneter und habe sehr viele neue Aufgaben dazubekommen. Außerdem bin ich Facharzt für Innere Medizin. Wenn ich um 14 Uhr in Potsdam aus dem Landtag komme, muss ich sofort in meine Praxis nach Altlandsberg. Ab 15.30 Uhr habe ich Sprechstunde.

Klingt ganz schön stressig.

Eigentlich ist das alles viel zu viel. Bei den Kommunalwahlen kandidiere ich ja auch noch für den Ortsbeirat und als Gemeindevertreter. Und ich trete wieder als Abgeordneter für den Kreistag von Märkisch-Oderland an. Vor fünf Jahren habe ich im gesamten Land Brandenburg die meisten Stimmen für die SPD geholt. Und ich möchte im Stadtparlament Fraktionsvorsitzender der SPD bleiben.

Sie sind seit 15 Jahren Bürgermeister von Altlandsberg. Was haben Sie in dieser Zeit bewegt?

Wir haben viel bewegt.

Wer ist "wir"?

Ich arbeite grundsätzlich mit allen demokratisch gewählten Parteien zusammen. Auf Gemeindeebene kann man nur im Verbund etwas erreichen. Aber Sie fragten nach den Erfolgen. Seit 1999 haben wir endlich eine Stadthalle, die die Einwohner seit 40 Jahren gefordert haben. Wir haben unsere Stadtschule, eine Gesamtschule, mit eigenen Mitteln von Grund auf saniert. Sie ist heute eine der Modernsten in Brandenburg und extrem gut besucht. Wir haben die Straßen saniert und eine Umgehungsstraße gebaut, um das historische Stadtzentrum vom Durchfahrsverkehr zu entlasten. Die städtischen Wohnungen sind top saniert, wir haben null Leerstand. Und, was mir besonders wichtig ist: Wir haben das Vereinsleben reaktiviert. Das ist sehr wichtig für das Wirgefühl.

Was sind das für Vereine?

Lions-Club, Heimatverein, Verein für Freizeit und Hobby, Gewerbeförderverein - ohne die wäre das gesellige Leben in Altlandsberg heute nicht mehr vorstellbar.

Aus welchen Töpfen finanzieren Sie diese ganzen Dinge?

Der finanzielle Rahmen ist von Land und Bund vorgegeben. Kommunale Selbstverwaltung funktioniert nicht so, dass man nach Lust und Laune Geld ausgeben kann. Als Gemeinde muss man versuchen, das Optimale draus zu machen.

Und wie macht man das als Bürgermeister?

Die zur Verfügung stehenden Summen sind begrenzt. Man muss einen roten Faden haben. Man darf nicht populistisch sein und den Leuten das Blaue vom Himmel versprechen. Wenn man den roten Faden behält, kann man durchaus etwas schaffen.

Kommen Sie deshalb so gut an bei den Leuten?

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich gut zuhören kann. Als Arzt muss man immer voll konzentriert da sein. Und man muss für die Menschen erreichbar sein. Meine Arztpraxis ist ja auch im Rathaus.

Wie bitte?

Das war schon zu DDR-Zeiten so. Nach der Sprechstunde gehe ich zwei Zimmer weiter in die Bürgermeister-Amtsstube. Ich verbringe über die Hälfte meines Lebens im Rathaus.

Kommt es vor, dass Sie bei der Arztsprechstunde von Patienten auch mit kommunalen Problemen behelligt werden?

Am Anfang bin ich deshalb fast irre geworden. Meine Sprechstunde ist dafür einfach zu voll. Ich sage den Leuten, dass sie bei mir als Bürgermeister jederzeit einen Termin haben können. Nicht immer gelingt es mir, sie zu überzeugen, aber es ist besser geworden.

Kommen Sie auch mal zur Ruhe?

Unter der Woche gehe ich nur zum Schlafen nach Hause.

Was sagt Ihre Frau dazu?

Sie sagt, es sie würde nicht wundern, wenn ich irgendwann mit einem Herzinfarkt zusammenbreche. Meine Frau arbeitet von Montag bis Mittwoch in Halle. Ich versuche meine Termine so zu legen, dass ich keine langen Sitzungen mehr habe, wenn sie Donnerstagabend nach Altlandsberg zurückkommt. Mir ist natürlich auch klar, dass das nicht ewig so weitergehen kann. Aber die Sache ist doch die: Solange ich meine Praxis habe, bin ich ökonomisch unabhängig. Ich muss mir nichts gefallen lassen.

Wie wird ein Ortsbürgermeister entlohnt?

Man bekommt eine Aufwandsentschädigung. Ich hätte wahrscheinlich Anspruch auf 1.500 Euro. Auf meinen Vorschlag hin haben wir das in Altlandsberg aber auf 300 Euro reduziert. Es gibt kleinere Gemeinden mit weniger Einwohnern, wo der Bürgermeister das Doppelte bekommt.

Auch als Landtagsabgeordneter verzichten Sie auf einen Teil ihrer Diäten.

Ich spende jeden Monat 500 Euro für gemeinnützige Projekte in Märkisch Oderland. Jede Initiative kann sich darum bewerben.

Was treibt Sie an?

Ich arbeite nur für Dinge, von denen ich überzeugt bin und die mich glücklich machen. Wir unterstützen auch internationale Projekte. Dieses Jahr habe ich in Indien ein Projekt mit 660.000 Euro abgeschlossen, wo wir für vom Tsunami betroffenen Fischerfamilien Wohnungen gebaut haben. Zuvor haben wir ein indisches Frauenhaus gefördert. Ich sammle das Geld, indem ich in Brandenburg Vorträge halte, Fördermittel beantrage und bei Stiftungen anklopfe.

Sie machen schon ziemlich lange Politik.

Ich bin in Indien in einem sehr politischen Elternhaus aufgewachsen. Schon als Jugendlicher habe ich mich in linksorientierten Kreisen engagiert. Ich bin deshalb auch zweimal verhaftet worden. Einmal ging es um den Vietnamkrieg, das andere Mal um eine Aktion gegen überteuerte Babynahrung.

Mit 18 Jahren sind Sie in die DDR gekommen, um in Greifswald und Ostberlin Medizin zu studieren. Wie hat es Sie nach Altlandsberg verschlagen?

Das war absoluter Zufall. Meine damalige Frau hat Landwirtschaft studiert und in einer LPG in der Nähe von Altlandsberg eine Anstellung gefunden. Das war 1982. Wir hatten totales Glück, dass wir in dem Ort eine Zweizimmerneubauwohnung mit Zentralheizung bekommen haben. Damals war die Bausubstanz von Altlandsberg in einem katastrophalen Zustand.

Waren Sie der einzige Inder weit und breit?

Ich war der einzige Ausländer überhaupt. Die Leute habe mir auf der Straße hinterhergestarrt.

Hat Sie das gestört?

Eigentlich nicht. Ich weiß, was für eine Rolle ich hier spiele. Man ist halt ein Exot. In der gesamten DDR lebten 98 Inder. In der Bundesrepublik waren es zur gleichen Zeit 16.000 bis 18.000.

Haben Sie in den 35 Jahren, die Sie Deutschland sind, mal ganz persönlich Fremdenhass zu spüren bekommen?

Nein. Nie.

Das ist kaum zu glauben.

Ich trete ziemlich selbstsicher auf. Ich vergesse, dass ich anders aussehe und anders rede. Natürlich kann es sein, dass mir irgendwann mal was passiert. Aber in meiner Heimat Altlandsberg ist das undenkbar. Dort kennt mich einfach jeder.

Sind Sie immer noch der Exot?

Nicht in Altlandsberg und nicht in der SPD-Fraktion im Landtag. Ansonsten stoße ich aber immer wieder auf Leute, die versuchen, mein politisches Engagement wegen meiner Herkunft auf ausländer- und migrationspolitische Fragen zu reduzieren. Das gefällt mir nicht. Meine Themen sind Kommunalpolitik, Gesundheits- und Sozialwesen, Innenpolitik und Sport. Ich habe keine Lust, ständig über Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zu reden. Das ist nicht mein Leben, auch wenn ich Vorsitzender der Initiative "Brandenburg gegen Rechts" bin.

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