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Boxer Agit KabayelMit ihm soll der deutsche Boxsport aufblühen

Er ist groß, Rechtsausleger und hat eine ungewöhnliche Kampftaktik. Doch seinen Aufstieg hat Agit Kabayel vor allem einer Fähigkeit zu verdanken.

Zähe Arbeit im Gym: Agit Kabayel hat sich nach oben durch­geschlagen Foto: Moritz Müller/imago

Mittwoch ein öffentliches Training, Donnerstag Pressekonferenz, Freitag das öffentliche Wiegen, dazwischen laufend Interviews und Sonderwünsche: Manchem Leistungssportler wäre so ein Programm kurz vor der nächsten Bewährungsprobe wohl zu eng getaktet. Agit Kabayel bedeutet die Woche der öffentlichen Auftritte in Düsseldorf jedoch zu viel, um darüber zu klagen. Jeder einzelne ist doch ein weiteres Zeichen, dass er nun endlich Aufmerksamkeit auf breiter Ebene bekommt. Und hat der inzwischen 33-jährige Boxprofi aus Wattenscheid nicht seit seinem Ringdebüt im Sommer 2011 dafür gekämpft?

„Ich glaube, wir sind jetzt in Deutschland angekommen“, stellte der bullige, 1,91 Meter große Athlet schon vor Jahreswechsel für sich und seinen Trainer Sükrü Aksu fest. Das war auf dem ersten gut besuchten Medientermin seiner Karriere, wo der Streaming-Dienstleister Dazn große Ziele verkündete. Der möchte das in 26 Kämpfen ungeschlagene Schwergewicht als „Zugpferd“ nutzen, um den in Deutschland zuletzt wenig beachteten Showsport „wieder auf die Landkarte zu bringen“, wie er auf Anfrage der taz beschied. In einer am Mittwoch verbreiteten Verlautbarung wurde gar „die Rückkehr der goldenen Ära des Boxens“ beschworen, ohne das zeitlich genauer zu fassen.

Ob die Trendumkehr gelingt, weiß vorerst keiner. Aber der Anfang soll diesen Samstag gemacht werden, wenn Kabayel in einer Großarena in Oberhausen seinen Titel eines Interims-Weltmeisters nach Version des World Boxing Council (WBC) gegen den drei Jahre jüngeren, in den USA trainierten Polen Damian Knyba (17 Kämpfe, 17 Siege) verteidigt. Diesen Championgürtel hatte er letzten Februar mit einem eindrucksvollen Abbruchsieg (6. Runde) über den chinesischen Hünen Zhilei Zhang erobert. Zum krönenden Abschluss von drei siegreichen Kämpfen im saudischen Riad, bei denen er binnen 14 Monaten mehr verdient hat als in allen 23 Arbeitsgängen zuvor.

Die neue Ausgangslage könnte kaum unterschiedlicher sein. Im autokratischen Wüstenstaat trat Kabayel auf der Undercard, also im Vorprogramm an. Er war einer unter vielen, die sich vor den Augen der Superreichen und Ehrengästen wie Cristiano Ronaldo im Ring präsentierten, und dazu jeweils Außenseiter. Seine Triumphe über höher eingeschätzte Widersacher waren eigentlich nicht vorgesehen. In Oberhausen dagegen ist der „Junge aus dem Revier“, wie er sich nennen lässt, Hauptkämpfer, Local Hero sowie klarer Favorit an der Schwelle zu ultimativem Ruhm: Noch ein, zwei Siege, heißt es, dann soll der Kampf um offizielle WM-Titel kommen.

„Vulkan kurz vor der Eruption“

So weit ist seit Luan Krasniqi, der 2005 in Hamburg an WBO-Champion Lamon Brewster scheiterte, kein deutscher Schwergewichtler mehr gekommen. Nur, dass Kabayels Weg nach oben weitaus mühsamer war. Der Sohn kurdischer Zuwanderer nahm seine Laufbahn in einer Phase auf, als sich die größeren Promoter im Land zurückzogen – und die kleineren weder die Mittel noch potente TV-Sender im Rücken hatten, um ihn global zu positionieren. So trainierte er mit Coach Aksu in einem Martial-Arts-Gym in Düsseldorf etliche Jahre lang vor sich hin, ohne über den Status eines Europameisters hinauszukommen. Amtierende Weltmeister wie Anthony Joshua traf er allenfalls als geschätzter Sparringspartner.

Durch seine Vorstellungen in Riad hat der Rechtsausleger jedoch strategische Partner gefunden, die ihm in dem von kartellartigen Seilschaften geprägten Geschäft zum ultimativen Durchbruch verhelfen können. Wie den englischen Manager Spencer Brown, der seinen Mandanten neulich als „Vulkan kurz vor der Eruption“ bezeichnet hat und sich festlegt: „Dieser Mann wird einhelliger Weltmeister sein.“ Oder den gewieften Frank Warren, der mit seinem nördlich von London situierten Unternehmen Queensberry Promotions einen guten Teil aller Megafights einfädelt. Und nicht zuletzt Dazn, seit Jahren eine von Warrens wichtigsten Medienpartnerschaften.

Der Streamingsender versteht es, mit seinem PR-Powerplay ordentlich Wirbel für Kabayel zu entfachen. Seine ins Live-Programm gestreuten Werbeclips für die Oberhausener Boxgala haben dazu beigetragen, dass das Gros der 13.000 Plätze in der Rudolf-Weber-Arena binnen fünf Tagen verkauft war. Außerdem wurde eine zweiteilige Doku produziert. Sie zeichnet die unwahrscheinliche Reise eines klassischen Außenseiters nach: Mit seinen Geschwistern früh auf sich gestellt, weil die Eltern sich erst um einen Waschsalon, dann um einen Döner-Imbiss kümmerten. Später folgte eine Ausbildung zum Gleisbauer sowie der Wechsel vom Fußball zum Kickboxen und Boxen.

Der allmähliche Aufstieg hat mit Zähigkeit und einer besonderen Strategie zu tun: Während andere sich auf den Kopf des Gegners als Ziel kaprizieren, attackiert Kabayel bevorzugt den Körper. Das könnte auch dem bisher kaum ernsthaft getesteten Damian Knyba am Samstag zu Verhängnis werden – und würde den Ruf des Favoriten als „Leber-King“ unterstreichen.

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