: Bonn apart
■ Vogel zerstört die Dolchstoßlegende * Bonn/ Berlin-Entscheidung: Die Statistik lügt nicht, weiß der SPD-Fraktionsvorsitzende
Das konnte der SPD-Fraktionsvorsitzende Hans-Jochen Vogel, selber Jahrgang 1926, natürlich nicht ungeprüft auf sich sitzen lassen. Die Toscana-Fraktion sei gegen die Prostata-Fraktion unterlegen, hatte es nach der Abstimmung des Bundestags über den Regierungssitz bei den Unterlegenen bitter geheißen. Vogel sagt es natürlich anders. Ob die Alten die Sache für Berlin entschieden hätten gegenüber jenen Nachgeborenen, für die Bonn Inbegriff förderalen Neuanfangs ist, das hat Vogel keine Ruhe gelassen. Bei „meiner ausgeprägten Neigung“ (Vogel) für die Statistik mußte eine Untersuchung her. Die brachte nun alles an den Tag. Bei den 662 Abgeordneten des Bundestags war der Altersdurchscnitt der Bonn-Befürworter genau 50 Jahre; bei denen, die für Berlin votierten, liegt er ebenso exakt bei 50 Jahren. Bei der SPD, bei der 126 für Bonn eintraten und nur 110 Berlin ihre Stimme gaben, hat Vogel — den Zeigefinger hoch — noch Erstaunlicheres zu Tage gefördert: Der Altersdurchschnitt der Genossen, die für Bonn waren, lag bei 50 Jahren, der Altersschnitt der Berlin- Freunde dagegen bei 49 Jahren. Dolchstoßlegende zuschanden, Statistik sei Dank. Mancher fragt sich allerdings, ob Vogel nach der Abgabe des Parteivorsitzes wohl über zuviel freie Zeit verfügt.
Nach den wilden Tagen muß Vogel nun wieder Ordnung in seine Genossenschar bringen. Nun wird wieder das Alltagsgeschirr der Fraktionsdisziplin aufgelegt. Da wird man sich auf den Hinterbänken erneut danach richten, wie der Vorsitzende Vogel aufzeigt, wenn abgestimmt wird. Keine Frage, ob jene bemerkenswerte Stunden, als jeder Abgeordnete nur seinem Gewissen verpflichtet war und die Parteigrenzen sich auflösten, wert seien, zum Alltag zu werden. Sternstunden, so bescheidet Vogel barsch den Fragenden, hießen so, weil sie so selten sind.
Gerd Nowakowski
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