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Blutige Saboteure im Zwielicht

Die Wahrheit über Wegwerfagenten als typisches Produkt der neoliberalen Gig Economy

Von Christian Bartel

„Schon als Kind konnte ich mich für die glamourfreie Welt der Wegwerfagenten begeistern“, erzählt Egon Elster. „Bei James-Bond-Filmen habe ich immer für die namenlosen Handlanger der Gegenseite gehalten, die massenhaft im Kugelhagel umkommen. Das waren für mich die wahren Helden. Meine Eltern haben meinen Berufswunsch immer unterstützt und mir von klein auf jedes Selbstvertrauen genommen. Nur dann ist man wirklich bereit, sich von anonymen Mächten benutzen und dann wegwerfen zu lassen.“

Der mausgraue Mittvierziger mit dem angeklebten schwarzen Schnauzbart hat mit seiner klandestinen Castingagentur „Henchmen & Redshirts“ im eher beschaulichen Berliner Stadtteil Mariendorf Deutschlands erste analoge Vermittlungsbörse für entbehrliche Agenten gegründet. „Wir vermitteln Saboteure für Betriebsfeiern und Hochzeiten, spähen aber auch kritische Infrastruktur für fremde Mächte aus und setzen Desinformationskampagnen ins Werk. Wichtig ist allein, dass unseren Mitarbeitern keine Vorkenntnisse abverlangt werden. Wir arbeiten ausschließlich mit blutigen Laien und nützlichen Idioten – am liebsten aber mit kompletten Vollhonks, denen die Konsequenzen scheißegal sind.“

In diese Kategorie fällt wohl der neunzehnjährige Dennis. „Ich war schon immer zu jedem Scheiß zu überreden“, freut sich der Kunsstoffformgeber in abgebrochener Ausbildung. Ein „Freund aus dem Telegram-Chat“ hat dem leicht beeinflussbaren jungen Mann gestern erst von der Agentur erzählt, und schon heute will er sich in die „Henchmen & Redshirts“-Kartei aufnehmen lassen.

„Ich komme eher vom klassischen Internet-Prank“, preist der blonde Dummbatz seine Expertise. Gerade hat er Lehrstelle und Freundin verloren, weil er sich dabei gefilmt hat, wie er Bauschaum in den Auspuff seines Chefs gesprüht und einen Furz seiner schlafenden Ex angezündet hat. „Superwitzig!“, beömmelt sich der geistig eher schlichte Scherzbold noch immer. „So etwas würde ich gerne beruflich machen, aber von Kunst kann man ja nicht mehr leben. Social-Media-Content wirft jedenfalls nicht genug ab. Wenn der Russe mehr zahlt als Insta und Tiktok, pranke ich halt für Putin.“

„Der auftraggebende Superschurke bleibt stets anonym“, gibt ihm Elster augenzwinkernd zu verstehen. „Können Sie eine Drohne über ein Flughafengelände fliegen und sich dabei auf jeden Fall erwischen lassen? Der Mandant bejaht: „Klar, macht doch sonst keinen Spaß.“

Elster fischt eine ramponierte Aufklärungsdrohne russischer Bauart aus dem Fundus und händigt sie dem Jungspund aus. Schon am selben Nachmittag muss der Flugbetrieb am Flughafen Berlin-Brandenburg wieder einmal für ein paar Stunden eingestellt werden. Landes- und Bundespolizei werden in Alarmbereitschaft versetzt, ein Geschwader Jagdbomber wird aus der Pfalz nach Brandenburg verlegt, anschließend streitet ein Kremlsprecher kichernd jede Beteiligung ab.

Auch Dennis ist hochzufrieden, schon kurz nach seiner Verhaftung gehen auch seine privaten Prankvideos viral. Wenn er wieder freikommt, will er sich mit seiner Freundin versöhnen und eine Verteilerstation für Flüssiggas an der polnischen Grenze anzünden.

Die Agentur arbeitet ausschließlich mit blutigen Laien und nützlichen Idioten

Zur klandestinen Castingagentur in Berlin führt indes keine Spur. Dennis hatte sich den komplizierten Namen „Henchmen & Redshirts“ eh nicht merken können, und Egon Elster aus Mariendorf tritt selbstverständlich unter falschem Namen auf. In Wahrheit heißt er Emil Elster, betreibt seine Agentur im benachbarten Marienfelde und trägt einen blonden Schnauzbart. „Der Wegwerfagent ist ein typisches Produkt der neoliberalen Gig Economy“, erklärt Dr. Franziska Brössler, die wir auf einer Internetplattform als billige Wegwerfexpertin für Sicherheitsthemen gebucht haben. „Arbeitsverhältnisse werden auch bei Geheimdiensten immer episodischer, die Bezahlung immer prekärer.“ Dann verstummt sie, weil unser Gratisguthaben verbraucht ist.

Tatsächlich rekrutieren nicht nur autoritäre Kleptokraten, die teure Kriege allein mit Öleinnahmen finanzieren müssen, aus Kostengründen zunehmend Laienspione. Auch der deutsche Auslandsnachrichtendienst soll mit „MySpy“ eine Onlineplattform aus der Taufe gehoben haben, auf der Low-Level-Agenten und Nebenerwerbsspione ihre Dienste anbieten. Probeweise versuchen wir auf der Plattform ein exklusives Aktendossier aus dem Moskauer Innenministerium zu ersteigern, werden aber fortwährend von einem User namens „Pullach0815“ überboten.

„Mit MySpy haben wir nichts zu tun“, dementiert kichernd ein BND-Sprecher, dessen neuer Chef Martin Jäger zuletzt jedoch angekündigt hatte, den Dienst operativer und risikofreudiger aufzustellen. „Aber wenn Sie glauben, dass man hybride Kriege mit dem deutschen Beamtenrecht gewinnen kann, glauben Sie auch, dass der BND so etwas wie der Mossad ist.“

Doch zumindest im Geheimdienstmilieu formiert sich Widerstand gegen den Einsatz billiger Instant-Agenten. Am letzten Samstag haben sich hauptamtliche Schlapphüte von allen wichtigen Nachrichtendiensten um Mitternacht zu einer Großkundgebung auf dem Berliner Teufelsberg getroffen. Ihr streng geheimer Protest geriet zur eindrucksvollen Demonstration ihrer professionellen Fähigkeiten: Die Videoaufnahmen zeigen einen menschenleeren Ort. Nur ungewöhnlich viele Fledermäuse umschwirren die verfallene Abhöranlage. Doch für den Laien ist kaum zu bestimmen, ob die unheimlichen Flattermänner zur CIA, dem MI6 oder dem FSB gehören oder doch nur angeheuerte Freelancer sind.

Egon Elster hält die Einwände der Profis für unbegründet. „Wir sind ja doch eher Idealisten. Ich selbst habe jahrelang für die Russen gearbeitet, ohne dass die überhaupt davon wussten“, erzählt er. Tatsächlich hat Elster in seiner Tarnexistenz als Pizzataxifahrer im Berliner Regierungsviertel auf eigene Faust Erkenntnisse über die Ernährungsgewohnheiten deutscher Spitzenpolitiker gesammelt.

„Mit ein paar extrascharfen Habanero-Chili könnte ich das gesamte Bundeskabinett für Tage lahmlegen, die Typen vertragen rein gar nichts“, verspricht Elster. Da Putin sich partout nicht meldet, dürfen nun auch andere Auftraggeber ein Gebot im toten Briefkasten hinter der alten Dorfkirche hinterlassen. „Interessenten dürfte es ja genug geben“, glaubt der Wegwerfagentenführer.

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