: Bloß keenen Walzer tanzen!
Jörg Schneider ist Vorsitzender und Trainer beim SV Stahl Schöneweide. Ihm geht es nicht nur um Schlagkraft
JÖRG SCHNEIDER, STAHL E. V.
VON JANA BACH
„1, 2. 1, 2. Links, rechts. Führhand, Schlaghand. 1, 2, 1, 2. Zeeeeiiiit! Zweite Runde, noch mal“, schallt es durch die Trainingshalle. Dazwischen die gellenden Signaltöne einer Schaltuhr. Sie geben den Takt vor, schneiden die Zeit in Stücke. Luft holen, Ausatmen, Angriff, Rückzug. Kein Viertel vor sechs, kein sieben Uhr dreißig. Nur Runden. Nur „1, 2. 1, 2“.
In der Mitte steht einer, der mitzählt. Der jeden Ankömmling mit Namen grüßt, der antreibt, verbessert, vormacht. Der dreimal, viermal oder fünfmal in der Woche die Gruppen trainiert. Die Acht- bis Dreizehnjährigen. Die Großen. Die Anfänger. Die im „Anti-Gewalt“- und im „Kick“-Projekt. Er ist einer, der geblieben ist, als viele gingen. In den Jahren nach der Wende, nachdem die Industriehallen dichtgemacht und die Arbeiter entlassen wurden. „Da war ick denn 52, da bin ick dann ooch abgewickelt worden.“ Ein wenig Aufschub hatte man Jörg Schneider gewährt. Wegen seines ehrenamtlichen Engagements als Trainer beim SV Stahl Schöneweide e. V., dem ehemaligen Betriebsboxverein. Wegen der Medaille, die er 1960 errang, wegen seiner Stellung als internationaler Kampfrichter. „Fanatisch nach Boxen“ sei er nie gewesen, aber fleißig. Mit dem Fleiß kam der Erfolg, der Schüler wurde Meister, später Trainer und Vorsitzender des Vereins. In einem Verein, der kein Geld hatte. Der sich selbstständig machte und Titel erkämpfte. Der vor sieben Jahren zum „frauenfreundlichsten Sportverein Berlins“ gekürt wurde.
„Wechsel! Keenen Walzer tanzen, Beinarbeit!“ Einmal die Woche sind die Neugierigen geladen. Und die mit dem Gewaltpotenzial. „Von de Straße kommen die, aber ooch die Abiturienten. Und denn die mit Ufflage.“ Vor zwei Jahren hatte ein festlicher Wind geweht durch die Trainingshalle des SV Stahl. Wladimir Klitschko war gekommen, mit Geld aus der „Laureus Sport for Good“-Initiative und der Idee, etwas für die sozial benachteiligten Jugendlichen im Südosten Berlins zu tun. Nach der Zeremonie reiste der Schwergewichtsweltmeister wieder ab. Das Fördergeld blieb.
Fünf Trainer wechseln sich ab. Ehrenamtlich. Nur einer, der die Anti-Gewalt-Gruppe mittrainiert, bekommt 50 Euro pro Woche. Gesponsert aus dem „Laureus“-Förderungstopf.
Beim Boxen gehe es nicht bloß ums Schlagen, sagt Jörg Schneider. Freunde finden sich hier. „Det is wichtig für den Entwicklungsverlauf. Dass die ooch ’n netten Kreis haben.“ Sein Familienkreis ist schon lange eingebunden in den Verein. „Ick bin der Vorsitzende, meine Frau der Kassenwart. Einer meiner Enkel kommt trainieren.“ Verantwortlich fühlt sich Jörg Schneider in dem Verein, bei dem er als Zwölfjähriger zur ersten Schülerriege gehörte, für alles und jeden. „Ick bin nicht bloß der Trainer, ick muss nach dem Material gucken, det is teuer, bin der Platzwart, kümmere mich um Kampfkleidung, Wettkämpfe, schreibe und faxe und wat weiß icke.“
„Wir haben ordentliche Arbeit jemacht, nich ’n halbet Jahr oder über zwee Monate. Det sehen dann ooch die, die hier det Sagen haben, die vom Bezirk“, sagt Jörg Schneider. Jahrzehntelang hängte er die Boxsäcke vor jedem Training auf, am Ende des Tages wieder ab. In der „alten Feuerwache“, der Schulsporthalle in Schöneweide. „So ’n kleener Ring, da wurde nischt investiert, ’ne richtig olle Kaschemme halt.“ Dann kam der Umzug – und neue, größere Trainingsräume.
Die Halle in der Neuen Krugallee 219 gehört jetzt nur dem SV Stahl. In Neonlicht getaucht. Zwölf Sandsäcke baumeln von der Decke, es gibt Spiegel zum Schattenboxen. Überlebensgroße Konterfeis von Muhammad Ali und seiner Tochter Laila schmücken die Wand, vor der ein blau-roter Hochring aufgebaut ist. Sie sind jetzt im Stadtteil Baumschulenweg. „Einzugsgebiet nach wie vor detselbe.“
Nicht alles läuft wie früher. Zwar wären das „allet nette Leute hier. Und eher ältere“, aber es hätte sich dann doch schon ein Problem mit der Integration herauskristallisiert. „Zur DDR waren wa mehr alle in unserem eigenen Saft, im eigenen Block geblieben.“ Der 66-Jährige weiß, wie es sich anfühlt, wenn man mit Vorurteilen zu kämpfen hat. „Manch eener denkt, det sind allet Idioten, die Boxer, die hauen sich vor den Kopp.“
Heute würden hier auch wieder mindestens fünf verschiedene Nationalitäten zusammen trainieren. „Klappt doch, wa“, sagt er. Das, was für Jörg Schneider zählt, ist Einsatzbereitschaft. Sich quälen können.
1, 2. 1, 2. Die Schaltuhr treibt die Müden. Links, rechts, Schritt zurück. „Die Fäuste bleiben oben. Immer!“ Die Sache mit den Nazis, in Johannisthal, Niederschöneweide, die gibt es wohl. „Im Grunde sind det dumme Leute, die nischt aus der Geschichte jelernt haben.“ Auch in der Halle gibt es manchmal „Hitzköpfe“, die Probleme machen können. Das sind meistens welche, „die nur ’nen großen Rand haben“. Da offenbare sich der wahre Charakter. „Dass keen Weltmeister vom Himmel jefallen is, det wissen wa alle. Aber lernen musste, fleißig sein.“ An die Grenzen gehen. „Auf der sportlichen Seite oder eben ooch auf dem geistigen Sektor.“ Jörg Schneider wünscht sich für seine Schützlinge, dass sie im Beruf und überhaupt weiterkommen.
„Man merkt ooch, wenn einer so ’n kleener Einzelgänger ist, ’ne Neigung zu Aggression hat. Det wissen wir ja, wer det is, den powern wir hier so aus, dass er gar keene Lust hat, sich da draußen rumzubolzen. Der kriegt so’ne Uffgaben.“ Mitunter komme es aber vor, dass einer zu aggressiv, nicht „hinzuformen“ ist. Lange halten würden sich solche nicht. Die kriegen zu spüren, „dass die große Menge zusammenhält“.
„Zeeeeiiit! Letzte Runde. 1, 2. 1, 2. Die Hand, die nicht schlägt, übernimmt sofort die Deckungsarbeit. Sieg oder Niederlage. Sonst kriegste eene uff die Nase!“ An der Außentür der Halle hängt ein Poster, auf dem ein Bergsteiger vor einer Felswand hängt. Darauf steht „AUFSTEIGEN“. Darunter: „Wer alles leicht erreicht, sollte seine Ziele höher stecken.“